Leitlinien, Kriterien, Stilelemente...

Eine Sammlung zum Thema, einigermaßen thematisch sortiert, teils auch chronologisch.
Bitte die "Akkordeons" je auf- oder zuklappen.

Stil ist Sprache

(PZ, SN, 1/2016)

Stil ist Sprache - eine Säule spricht aus z.B. ihr Oben und Unten mit Kapitell und Sockel. Wie diese Aussprüche klingen, das ist verschieden. Jede Zeit, jeder Ort, - ja, jede Person kreiert da eigene Ausdrücke (und Verständnisse!). Es entstehen Sprech- und Hörgewohnheiten.

Mag da auch mal ein Flüstern oder Stammeln oder Brüllen zu hören sein - solches wurde aus früherem Verständis gelegentlich als stillos bezeichnet. Heutige Stillosigkeit ist oft wirkliche Sprachlosigkeit - viele Dinge sagen rein gar nichts mehr aus, tragen z.B. weder einen Ausdruck von Oben noch Unten an sich, der "wortlose Würfel" findet sich bei qualitativ Gegenteiligem, beim Herd wie beim Kühlschrank oder gleich beim ganzen Haus.

Weil diese Sprache der Dinge nicht mehr verstanden wurde, Stilelemente den Betrachtern nurmehr als Deko erschienen, wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: nicht nur überflüssige Schnörkel und Floskeln wurden verpönt und vermieden, sondern jedwede Aussprache.

Wir müssen wohl heute beides wiederfinden, die Sprache überhaupt, dazu aber auch neu die Regeln: Grammatik, Satzbau, Rhetorik - die Leitlinien oder Kriterien sollen genau dies sein.

Was gesagt werde? Die Wahrheit.

Wie? - In Schönheit. Kunst sei die schöne Sprache! So hätte es früher allein geheißen. Heute geht es (auch) um anderes: den "impulsiven Keim für die Zukunft" zu schaffen, siehe "Anthroposphische Kunst?" unten.

Aus "Stillehre für Lou" Friedrich Nietzsche, Tautenburg, August 1882:

1. Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll leben.

5. Der Reichthum an Leben verräth sich durch Reichthum an Gebärden. Man muß Alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunktionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente – als Gebärden empfinden lernen.

(Dies Wort eines Schriftstellers, meine ich, lässt sich auf die Welt der Gegenstände übertragen. Ihr Alles sind Länge und Kürze jedes Details, deren Zusammenhang, Art des Materialwechsels etc.pp)

Wahrheit? - Eine Tür zum Beispiel...

(PZ, SN, 2/2016)

Mein erstes plastisches Wirklichkeitserlebnis von "richtig oder falsch" erinnere ich aus Alanus-Zeiten (etwa 1985): An eine Tür vom Innenhof zum Musikertrakt stieß ich immer wieder an, warum konnte ich den Öffnungssinn nicht leicht lernen? Dann merkte ich, dass vielen es so ging. Das gab Rätsel auf, bis deutlich wurde, was da plastisch "falsch" ist. ("Falsch" meint nicht etwa verboten oder verdammenswürdig, um hier vorwegzunehmen, was unten ausgeführt ist. Z.B. mag es gesellschaftspolitisch wie individuell durchaus sinnvoll sein, zu provozieren, anstoßen zu lassen.)
Hier frisch von vor Ort bestätigt:

Gesendet: Donnerstag, 28. Januar 2016 20:17

Hallo Peter, jetzt war ich da, am Johannishof, das erste Mal nach längerer Zeit, das war interessant und bewegend in verschiedener Hinsicht. Wann warst Du zuletzt da? Man sieht den Johannishof wirklich kaum noch, immerhin ist er da.

Die Türen, an die Du Dich nach meiner Ansicht erinnerst, sind die auf den Fotos dargestellten, die Form ist bei beiden gleich, Material vielleicht, Farbton und Helligkeit sicher sind verschieden. Beide sind zweiflügelig nach außen öffnend, der DIN-rechte Flügel ist jeweils der Gangflügel, natürlich so gut wie immer ausschließlich zu öffnen und in Benutzung, man sieht jeweils innen oben am Griff die Abnutzung.

Das Holz in der Mitte, wo beide Flügel zusammen kommen, ist vollplastisch ausgearbeitet, da vor Allem außen nichts anderes in Auge oder Hand springt, kein Stab, kein Rohr, kein Knopf, keine vorschwebende Platte, muss hier der Packan sein. Nun ist die Ansicht, die Silhouette beider Flügel voll mittelachsensymmetrisch, auf den vier Bildern sieht man auch nicht, wohin man greifen, schieben, drücken soll, wenn der Fachblick nicht den Obentürschließer ortet.

Tritt man näher, wird der Unterschied plastisch deutlich, wirklich, wirksam, weit mehr als auf den Fotos zu sehen: eine Seite ist konkav gewölbt nach innen, vom Menschen weg, die andere konvex, nach außen, ihm entgegen. Allerdings ist das an einem Flügel immer innen und außen gleich: Obwohl man den Gangflügel von außen ziehen muss, von innen drücken, ist er immer der konkave.

Von innen drückt man in die hohle Wölbung hinein, mit Hand oder Hüfte, nach meiner Meinung kein Problem, ganz organisch. Aber von außen will man an der linken konvexen Seite ziehen, die sich einem schon entgegenwölbt, nicht hinter die Kante der konkaven rechten Seite fassen, die vor einem flieht, oder man versucht dort zu drücken, dann am rechten Flügel aber in falsche Richtung, oder beides hintereinander: erst links ziehen, dann rechts drücken, beides hilft nicht, dann vielleicht links drücken? Auch nicht! Ach, rechts ziehen geht?!

Als ich die Fotos machte, kam ein Dozent, der nicht oft da war und mir genau dies als seine frische Erfahrung bestätigte.
Beste Grüße von Harry

Anthroposphische Kunst?

(PZ, SN, 11/2015)

Zur Frage anthroposophischer Kunst mögen Steiners Worte aus einer Fragenbeantwortung nach dem Vortrag "Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft" vom 26.08.1921 interessant sein (GA77b):

"Frage: Würde die Kunst unter dem Einflüsse anthroposophischer Lehren nicht eine Tendenz haben, eintönig zu werden, was nicht interessant wäre? Gibt's nicht eine Gefahr, daß die Kunst einen anthroposophischen Stempel tragen würde, wie von einer besonderen Malerschule?

(Antwort:) Wenn man dasjenige, was aus anthroposophischer Geistesrichtung als Kunst wirklich hervorgehen kann, erfaßt, richtig erfaßt, so wird man, wie ich meine, die Frage gar nicht so aufwerfen, und man wird nicht zu dem Glauben verführt werden können, daß Anthroposophie jemals anstreben könnte, daß Kunst beeinflußt würde durch anthroposophische Lehren. Irgendwie anders zu denken, als daß das Künstlerische aus dem Erleben des im Material flutenden Geistes, des Zusammenlebens mit dem Material hervorgehen könne, kann eigentlich aus anthroposophischer Gesinnung heraus gar nicht angenommen werden.
In einer etwas primitiven Weise fassen sehr viele Anthroposophen diese Sache so auf, daß sie zum Beispiel dasjenige, was ihnen gegeben ist in der Lehre vom Rosenkreuz, dann irgendwie auf eine Tafel hinmalen, und man dann diesen Bildern in allen einzelnen Zweigen begegnet. Da ist inneres Fühlen, innerlich Intendiertes äußerlich festgehalten. Ich helfe mir gegenüber solchen «künstlerischen Versuchen» gewöhnlich dadurch, daß ich in den betreffenden Zweigen sie nicht anschaue, denn das sind allerdings primitive und wenig weitgehende, aber eben verkehrte Versuche, dasjenige, was im Geiste, der nun zum Wort, zur Lehre wird, dargestellt werden kann, das zu übertragen in irgendeinen künstlerischen Aspekt. Das ist Unsinn. Man kann nicht dasjenige, was Lehre ist, ins Kunstwerk hineintragen.
Dasjenige aber, was wirkliche Anthroposophie ist, das führt ja, ob man's nun an der Lehre anfaßt, ob man's an der Kunst anfaßt, das führt zu dem innerlichen Erleben von etwas durchaus Ursprünglicherem, als anthroposophische Lehre ist und anthroposophische Kunst ist, von etwas, was lebendig weiter zurückliegt im Menschen. Schafft man auf der einen Seite künstlerische Formen, die gar nichts zu tun haben mit den anthroposophischen Lehren und stellt man sich dann wiederum aufs Wort ein, auf den Gedanken, so schafft man aus denselben Untergründen heraus Ideenzusammenhänge. Beides sind Zweige, die aus einer Wurzel sind. Aber man kann nicht den einen Zweig nehmen und ihn in den anderen hineinstecken.

Ich kann jedenfalls nicht nachfühlen, daß ein Leben aus einer solchen Kunstentwickelung heraus dazu führen könnte, eintönig zu werden, denn - ich möchte jetzt nur illustrativ sprechen - ich kann Ihnen die Versicherung geben, wenn, nachdem dieser Bau fertig ist, ein anderer von mir gebaut werden müßte, so würde er ganz anders werden, so würde er ganz anders ausschauen. Ich würde niemals imstande sein, in monotoner Weise diesen Bau noch einmal zu bauen; und einen dritten würde ich wieder anders bauen - es wird ja sicher in dieser Inkarnation nicht mehr dazu kommen. Aber ich fühle gerade in dem, was als das Lebendige zugrunde liegt dem Anthroposophischen, daß das in der Kunst über alles Monotone hinauskommt. Ich kann Ihnen sagen, man möchte immer nur wünschen, mit dem, was man kann, nachzukommen demjenigen, was sich vor die Seele hinstellt, und gar nicht in monotoner Weise, sondern in großer Mannigfaltigkeit das zu zeigen, was man eben gern zeigen möchte."

Aber auch Folgendes: "Es ist aber heute viel mehr notwendig, achtsam sein zu können auf dasjenige, was als Neues vielleicht lallend und unvollkommen zum Vorscheine kommt, als auf das Gefällige, Schöne ein Auge haben zu können. Dasjenige, was Zukunftsmöglichkeiten in sich trägt, wird vielleicht recht unvollkommen zutage treten; aber das Bedeutsame wäre: in dem Unvollkommenen den impulsiven Keim für die Zukunft zu entdecken. Würde man sich nach dieser Richtung Mühe geben, würde man versuchen, das zur allgemeinen Methode zu machen, was wir ja insbesondere beim Bau dieses Dornacher Gebäudes hier zu unserem Grundsatz gemacht haben: mit dem Alten zu brechen, selbst auf die Gefahr hin, im Neuen recht unvollkommen zu sein, - würde das zur allgemeinen Methode werden, dann würde schon einiges Heil für die Menschheit aus einer solchen Sache ersprießen. Was vor allen Dingen notwendig ist, ist das Loskommen von dem Festgeprägten, denn dieses Festgeprägte ist ein Absterbendes." Rudolf Steiner, 31.12.1917 (GA 180)

Unterscheidung ja, Dogmatismus nein:

(PZ, SN, 3/2016)

Beides ist mir Ende Januar 2016 in Dornach begegnet:

  • Das Vorhandensein von oder die Forderung nach Gesetzmäßigkeiten oder Leitlinien - implizit im Wunsch nach Zustimmung zu gestalterischen „Selbstverständlichkeiten“ angesichts von Sünden dagegen (Anstrich Sockel außen/ neue Eingangsgestaltung, Marmor als Bodenbelag…).
  • Die Ablehnung zugehöriger Begriffe (Gesetzmäßigkeiten, Kriterien, Leitlinien), da diese einen Dogmatismus vermuten lassen könnten. Also Angst vor entsprechenden Vorwürfen.

Ich meine, dass da zwei Dinge verwechselt werden: Dogmatismus mit Unterscheidung.

  • Unterscheidung ist die erste Tätigkeit der Elohim (Licht und Dunkelheit) und nach Entwicklung der Intelligenz auch eine spezifische Eigenschaft des Menschen mit Charakter. Der Mensch bewertet, klar und deutlich soll er es tun und sagen.
  • Dogmatismus stand mal positiv „für die unhinterfragbare Diskussions-, Lebens- oder Handlungsgrundlage“. Die kann heute kaum noch für je eine Person selber gelten. Der Begriff als eine auf Autoritäten beruhende Denkweise oder Glaubensüberzeugung verstanden wird heute zu Recht negativ empfunden und abgelehnt.

Ich sehe zwei Hilfen dagegen. Beide liegen in der Form:

  • Am Beginn jeder unterscheidenden Aussage, jeder Beschreibung einer Gesetzmäßigkeit, jeder Formulierung eines Gesetzes stehe Name, Ort und Datum – so wird die Bedingtheit nach Ort, Zeit und Person deutlich. Und jedem ist klar, dass Personen sich entwickeln.
  • Ein Gesetz wirkt sozial umso verträglicher, je mehr es in seiner Form dem hier gegebenen entspricht und umso unverträglicher, je mehr es sich kleidet in ein „Du sollst“ von Erfüllungsgesetzen.

Kein Urteil schadet etwas, wenn eine bestimmte Person zu einem bestimmten Datum wertet, ohne diese Wertung für andere verbindlich zu machen.
Hier liegt das Problem, wenn die juristische Person „Anthroposophische Gesellschaft“ oder das „Goetheanum“ eine Wertung abgibt – ist diese für Mitglieder verbindlich? Bzw. ist auch hier die eigentliche Frage die, ob eine potentielle Verbindlichkeit jemanden einschränkt oder nicht.
(Keiner wird es übel nehmen, wenn innerhalb eines Chores mit bestimmtem Profil dazu unpassende Lieder nicht gesungen werden, jeder würde es zu Recht übel nehmen, wenn jene Mitglieder schief angeschaut würden, welche außerhalb des Chores solche Lieder singen.)

Hier wendet die Unterscheidung von Geistesleben und Rechtsleben die Not: ersteres lebt von Unterscheidung, ohne sie verabschieden sich alle guten Geister. Diese trennende Unterscheidung darf aber nicht ins Soziale dringen und an falscher Stelle das Rechtsleben regieren, laut den Statuten gilt ja: „Mitglied kann jedermann ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung werden,…“ – da muss Toleranz gelebt werden. (Die richtige Stelle für Unterscheidung im Rechtsleben liegt allein im zweiten Satzteil: „…der in dem Bestand einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum in Dornach als freie Hochschule für Geisteswissenschaft ist, etwas Berechtigtes sieht.“.)
Sonst regiert der „gemischte König“… (Unterstreichung von mir, PZ)

Leitlinien zum Erkennen, nicht zum Schaffen:

(PZ, SN, 12/2015)

Leitlinien sollen nicht Anleitung zum Schaffen sein.

Freilich ist die Geschichte voll von Schülern, welche die geschriebenen oder ungeschriebenen Regeln ihrer Meister oder von deren Schulen mehr oder weniger äußerlich befolgen, das wird man nicht verhindern können, braucht es auch nicht. Mag das manchem für eine begrenzte Zeit ein wichtiger und richtiger Schritt zu eigentlichem Künstlersein bedeuten? Das gab es zu jeder Zeit, es kommt auch bei Anthroposophen vor, ist meist leicht erkennbar und in jedem Fall unschädlich. (Anders der Irrtum darüber, dass es sich um originäre Kunst handele, der ist wie jeder Irrtum gewiss schädlich!)

Leitlinien sollen keinesfalls ausschließend verstanden sein! Es geht ums Betrachten, um Unterscheidungsvermögen und Urteilsfindung, auf keinen Fall um Leitlinien für das Schaffen.
Wer z.B. von friedenstiftenden Formen spricht, hat ja ganz sicher ein Urteil darüber, was das bedeutet. Dazu sich zu verständigen, soll Thema sein.

Ich weiß wohl, dass Unterscheidung ein heikles Thema ist, nur zu leicht kommt der Urteilende zu Verurteilungen, hört der, dessen Werk beurteilt wurde, eine persönliche Verurteilung.
Das zu vermeiden, hilft (ohne Garantie) nur eine geeignete Form, z.B. die des Naturgesetzes:

  • „Je mehr eine Form sich in ihrem Oben rundet, umso mehr entspricht sie darin dann der menschlichen Leibbildung. Und je weniger, umso weniger.“

So ein Gesetz gilt einfach und verpflichtet zu nichts, gibt aber Kriterien zur Beachtung bei Betrachtung.
Am Beispiel der oben erwähnten Türen:

  • "Je mehr eine Tür, welche sich vom Ankommenden weg öffnet, diesen mit einer konkaven Geste empfängt, umso natürlicher und selbstverständlicher wird als Antwort das Öffnen geschehen. Je mehr eine solche Tür dem Ankommenden mit konvexer Gebärde begegnet, umso mehr wird der anstoßen und wach werden daran."

Ein quasi moralisches Erfüllungsgesetz ist das keinesfalls, es kann sehr gute Gründe für ganz andere Formtendenzen geben, kein wahrer Künstler wird sich davon gängeln lassen.

Die Not von uns Studenten (Alanus) erinnere ich jedoch gut: keiner wollte oder konnte uns etwas Klares sagen, zwar wimmelte es von ahnbaren, jedoch ungesagten und deshalb unangreifbaren (im Wortsinn von "greifbar"!) Urteilen. So etwas führt dazu, dass die Kunst gelernt wird, äußerlich den passenden Eindruck zu machen - statt der hohen Kunst, in wirklicher Demut = dienstmütig gegenüber Sinn und Zweck = zu gestalten.

Ein wirklich künstlerischer anthroposophischer Gestaltungsprozess wird dem Werk immer anzusehen sein. Gewiss kann er sich ganz verschieden zeigen, hoffentlich sehr! Was anzusehen ist, ist auch beschreibbar. Es wird also viel zu beschreiben sein:

Ganz sicher sind hunderte verschiedene Leitlinien zu formulieren. Sie sollen gut bebildert und vor allem immer persönlich gehalten, mit Namen und Datum versehen werden. Denn auch die Erkenntnis von solchen "Gesetzen" ist natürlich im Fluss. Ganz sicher wird es immer wieder andere und neue Bereiche zu berücksichtigen geben, das finde ich als Perspektive sehr spannend und schön!

Und dann? Dann muss ein Student solche Leitlinien sicher zuerst an der Wirklichkeit prüfen, danach kann er dann die Werke anderer und seine eigenen mit diesen Leitlinien erforschen. Das ist alles reines Erkenntnisleben.

(Für ein nächstes Schaffen kommt es dann wieder auf den Gestaltungsprozess als solchen an und dafür müssen alle Erkenntnisse "vergessen" werden, solche Leitlinienerkenntnisse wie alle anderen Erkenntnisse auch, das ist immer so.)

Herr Fäths Buch "dornach Design" (3. Januar 2011) versammelt alle Kunst, wo Künstler selber einen Bezug setzen zu Rudolf Steiner, seinem Werk oder der Anthroposophie – in voller Breite, ohne sonstige Kriterien und ganz ohne die Frage, ob denn das alles „echte anthroposophische Kunst“ sei. Diese Urteilsfreiheit ist sein Verdienst, ist doch sonst das Gerangel darum durchaus vorhanden, wer die wahre anthroposophische Kunst besitze.
So versammelt er als Kunsthistoriker „anthroposophische Kunst“, unterscheidet im Gefundenen grundlegende Elemente und kennzeichnet damit in aller Offenheit einen „anthroposophischen Stil“.
Mag man als Historiker rückblickend manches auf diese Weise treffend zusammenfassen können, einen anthroposophischen Stil als Handlungsanweisung kann oder soll es nach meiner Ansicht gar nicht geben.
Am Ende wird man hoffentlich sehen können, dass Anthroposophie für Künstler aller Epochen und also aller Stile eine größere Fruchtbarkeit und sicher gelegentlich auch Zeitlosigkeit möglich macht.

Wie sich in oder an einem Werk der Bezug zu Mensch und Umraum zeigt, das ist genau mein größtes Anliegen: das ist, weil etwas sich zeigt, also erkennbar und damit benennbar. Darauf will ich hinaus. Das mag gerne eine Angabe von Beispielen genannt werden, es ist letztlich nicht mehr gemeint – dies aber konkret für bestimmbare und ganz bestimmte Aspekte, das sind viele. Ein Beispiel wäre eben die Oben-Unten-Differenzierung.

Leitlinien, Kriterien

(PZ, SN, 10/2015)

"We shape the things we build; thereafter they shape us." (Winston Chruchill)

Form wirkt.
Wie wirkt Form?
Wie wirkt welcher Winkel wirklich?
Was genau macht eine Form zu einer friedenstiftenden Form?

Wie werde ich urteilsfähig zu diesen Fragen?
Gibt es Kriterien, mit denen ich Formen daraufhin abfragen kann?

Rudolf Steiner kann es uns nicht mehr sagen - wer traut sich und anderen Kompetenz darüber zu und erarbeitet mit mir die Antworten zu diesen Fragen als Katalog von Leitlinien? Denn Steiner formuliert zu diesem Thema als eine Aufgabe der Anthroposophie:
...die Geisteswissenschaft wird künftig berufen sein, im Einzelnen das Nötige anzugeben, und das vermag sie. Denn sie ist nicht eine leere Abstraktion, sondern eine Summe lebensvoller Tatsachen, welche Leitlinien für die Wirklichkeit abzugeben vermögen.” Aus: Die Erziehung des Menschen vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft.

Form wirkt.
Die Berührung geschieht durch die Tore der Sinne.
Ich schlage vor, Gegenstand für Gegenstand mit jedem Sinn einzeln auf seine Wirkungen hin abzufragen, um zu erkennen, wes Geistes Kind er ist.
Wer macht mit und schlägt weitere Arbeitsweisen vor?

Historie:

Es gibt einige Angaben Steiners zur Frage der Formwirkung. In den Mitteilungen (der Allgmeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland) Dez 14 und Feb 15 schrieb Reinhold Fäth den Artikel “Friedenstiftende Formen”, in dem er viele relevante Passagen aus Rudolf Steiners Werk versammelt, z.B.:

  1. In dem Sinne, dass Formen das Lügen und Betrügen beenden können - Aus GA 286, 23.Jan und 17.Jun 1914
  2. Auch umgekehrt, dass ohne geeignete Formen die Anthroposophie unfruchtbar bleiben werde - Aus GA 284, 3.Jan 1911

Auf der Mitgliederversammlung der anthroposophischen Gesellschaft im Juni 2015 in Kassel gab es die Arbeitsgruppe “Friedenstiftende Formen” von Reinhold Fäth. Darin wurde „anthroposophische Kunst“ betrachtet. Dabei kam die Frage auf: was genau macht eine Form zu einer friedenstiftenden Form. Ob etwa jede künstlerische Form, weil sie künstlerisch ist, Frieden schafft, oder welche spezifischen Eigenschaften es dafür braucht? Vergangener Streit über Gestaltung wurde erinnert...
Die Idee kam auf, eine "Sektionsgruppe" zu gründen (Bildende Kunst, Design, Schmuck). Tätige Gestalter zusammenzubringen, wie 1999, 2003 & 2006 zu den Tagungen “Möbelbau und Anthroposophie” in Dornach.

Hier beginnt nun eine Sammlung zum Thema.

Kunst berührt - durch das Tor der Sinne

(PZ, SN, 9/2015)

Die Berührung geschieht durch die Tore der Sinne.
Jeder hat unterschiedlich ausgebildete Sinne, drum lohnt ein Gespräch, kann man einander aufmerksam machen und sich hinweisen lassen auf Unentdecktes...
Jeder Sinn bedient sich leiblicher Organe verschiedenster Güte, es gibt scharfe und weniger scharfe Augen und Ohren, es gibt Rotgrünblindheit und Tinnitus...
Jeder Mensch lebt verschieden aktiv und wach in seinen 12 Sinnen, es gibt ausgesprochene Hörmenschen und solche, denen Farbeindrücke meistens entgehen...
Und es gibt Neigungen, Zu- und Ab-. Geschmäcker sind grundsätzlich verschieden und auch nicht zu jedem Zeitpunkt gleich, manchen hat man mal über, auf manchen muss man erst kommen: “Acquired taste”.

Es gibt die niederen Sinne, in denen so mancher meist schläft: zwar war da ein Erlebnis, es ist aber kaum bewusst und damit schwer einzuordnen in einen Kontext, nur wie lallend sich selber mitteilbar oder wahrnehmbar.
Es gibt die höheren Sinne, welche überhaupt ihr jeweiliges Spektrum erst durch Übung entfalten:
- Wer kennt das nicht, dass erst nach einem intensiven Kennenlernen an fremdem Ort danach plötzlich auch im Vertrauten die neu erkannte Pflanze oder Schmetterlingsart überall kreucht und fleucht. Ohne erfahrene Gestalt und ohne diese einmal begriffen zu haben gibt es kein Sinneserlebnis von beidem!
- Mehr noch gilt Gleiches vom Ich- oder Stil-Sinn, wer könnte ohne Studium die Zeit- und Ortsgeister unmittelbar erkennen?
Also lasst uns Werk für Werk mit allen Sinnen durchturnen, prüfen, wie welche Sinne es anspricht und welchen Sinnen es sich verschweigt. Um zu erkennen, wes Geistes Kind es ist. Um zu erkennen, wie es sinnvoll ist – wem, wo, wann, wie, in welcher Lage und unter welchen Umständen.

Diskussion von Gestaltung liegt immer zwischen zwei Polen, hat also zwei Hemmnisse:
Schauen wir auf das Subjektive: “Was in guter Gesinnung geschieht, das kann nur gut wirken.” Das ist wichtig und richtig, sinnvoll eben, auch in der Gesinnung steckt der Sinn! (– zu unterscheiden von Überzeugungen und Meinungen). Wer jedoch den Subjektivismus auf die Spitze treibt, macht jedes Gespräch überflüssig, “Nur die Angst vor dem Gift schädigt, das Gift selber nicht.” – da bleibt nichts zu sagen.
Blicken wir auf das Objektive, haben wir auch die Frage nach dem Richtigen, Richtungsweisenden. Da sind Urteile nicht fern und leicht treffen diese an den Objekten vorbei die Personen, ihre Schöpfer oder Genießer. In Folge gibt es Streit und Angst.

Der Blick auf die Vorgehensweise oder den Prozess ist sehr wichtig. Deren oder dessen Qualität ist ja auch in den von Herr Fäth gesammelten Zitaten aus Steiners Vortragswerk sehr im Blick:
Jeder Gegenstand, alles, was die Menschen umgab, jedes Türschloß, jeder Schlüssel, war aufgebaut aus etwas, worin die Seele des Verfertigers ihre Gefühle verkörperte. Mit Liebe war alles gemacht. …“ (GA101)
Andererseits muss aber diese Seele in die äußere Form: „… In jedem Ding war ein Stück seiner Seele. Und wo in der äußeren Form Seele ist, da strömen auch die Seelenkräfte über auf den, der es sieht und ansieht…“ (GA101). (Unterstreichungen von mir, PZ) Seelenkräfte, welche sich nicht verkörpern, tun das nicht; gute Absicht oder Haltung, die nicht in die äußere Form finden, haben keine Wirkung. Es muss schon „aussehen“, oder aus der Form „hinausschauen“, sinnlich erfahrbar werden (Geist ohne Form...). Beim Betrachten will ich darauf kommen, mir bewusst werden und schlussendlich ganz genau aufzeigen können, was und wie denn an dem betrachteten Objekt z.B. friedenstiftend ist.

Stil-Kriterien aus "dornach Design"

Stil-Kriterien aus "dornach Design"

- Möbelkunst 1911 bis 2011 - von Reinhold J. Fäth, © 2011 Futurum Verlag, Dornach, Seite 27, Kapitel "Goetheanum-Stil und Antibaushausdesign"

"Das Was bedenke, mehr bedenke Wie." Johann Wolfgang Goethe

  1. Unsichtbares Wie
  2. Gefühl und Farbe
  3. Liebevolle Zuneigung
  4. Organik und Ökologie
  5. Lebendige Flächen
  6. Oberer Abschluss
  7. Geometrie und Pentagon
  8. Formen des kristallisierten Ätherleibs
  9. Niedersenken und Sprechen übersinnlicher Wesenheiten
  10. Sichtbare Musik
  11. Gleichgewicht
  12. Anmerkungen fortlaufend

tl_files/images/title.png

Unsichtbares Wie

Der Grundsatz "Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals ohne Geist" besitzt bei Steiner mehrere Bedeutungsschichten. Nicht nur, dass jede dingliche Gestaltung der Materie differenzierte geistige Prägungen durch unterschiedliche Formgebungen erfährt, die wiederum auf Benutzer und Betrachter zurückwirken. Unabhängig vom "Was" des Objekts und dem "Wie" der Form wirke immer auch das "Wie" der Herstellung eines Produkts. Rudolf Steiner forderte von seinen Mitarbeitern am Goetheanum Bau, dass alles "mit Liebe verrichtet werden sollte":50 "Arbeiten wir daran, [...] dass diejenigen, die kommen, um ihn [den Bau] anzuschauen, unbewusst versetzt werden in jene Sphäre der Liebe, mit der er aufgebaut ist!"51 Diese Haltung sollte nicht allein für die künstlerisch-handwerkliche Arbeit gelten, sondern auch für die Produktionsbedingungen in anthroposophischen Firmen - so weit, dass der "Laboratoriumstisch zum Altar"52 würde. Das seelische Klima der Produktion imprägniere die unsichtbare Aura eines Gegenstands, die wiederum auf dessen Benutzer zurückwirke. Fair trade - fair work: Ohne spirituell-ethische Einsichten tendiere der Materialismus zu bedrückenden, freudlosen Arbeitsbedingungen und unsozialer Profitgier, die nach dieser Auffassung unbewusst und negativ manipulierend auf die Benutzer "abfärben".
Wie schon William Morris oder auch Walter Gropius unternahm Rudolf Steiner den Versuch, Qualitäten eines idealisierten Mittelalters für die eigenen Reformbestrebungen zu erneuern: "Ich habe öfters schon darauf aufmerksam gemacht, dass es etwas anderes war als heute, wenn man im Mittelalter durch die Straßen ging. Rechts und links, an jeder Häuserfassade trug alles das Gepräge dessen, der es verfertigt hatte. Jeder Gegenstand, alles, was die Menschen umgab, jedes Türschloss, jeder Schlüssel, war aufgebaut aus etwas, worin die Seele des Verfertigers ihre Gefühle verkörperte. Mit Liebe war alles gemacht. Machen Sie sich einmal klar, wie der einzelne Handwerker seine Freude an jedem Stück hatte, wie er seine Seele da hineinarbeitete. In jedem Ding war ein Stück seiner Seele. Und wo in der äußeren Form Seele ist, da strömen auch die Seelenkräfte über auf den, der es sieht und ansieht. Vergleichen Sie das mit einer Stadt von heute. Wo ist heute noch Seele in den Dingen? [...] Alt und Jung wandert durch ein Meer solcher scheußlicher Erzeugnisse, die die schlimmsten Kräfte der Seele im Unterbewusstsein auslösen."53

tl_files/images/title.png

Gefühl und Farbe

"Seelische Färbung" - mittels Farbe. Die Anthropologie Rudolf Steiners verbindet seelisches Erleben vorwiegend mit Gefühlen - Gefühle wiederum mit Farben.
Daher mag es nachvollziehbar sein, dass die von Steiner entworfenen Möbel farbig konzipiert waren. Doch nicht nur seine Entwürfe sahen eine intensive Farbgebung vor. Eine Besucherin der Wohnung von Marie von Sivers, der späteren Ehefrau Steiners, überlieferte:
"Auch in ihrer Wohnung waren Dr. Steiners Raumgestaltungs-Versuche zu spüren. Staunend sah man schöne Mahagonimöbel mit dicker violetter Ölfarbe überstrichen, der Farbe der Wände entsprechend."54

Keine Formgebung ohne Farbgebung. Im Sinne anthroposophischen Designs würde man sogar das Umgekehrte voraussetzen: Ohne Farbgebung keine Formgebung. Zuerst wurde Räumen eine seelische Stimmung mittels Farbe verliehen, dann fügten sich die Möbel in den entsprechenden Farben und Formen ein. Und wieder handelte es sich um Wirkungen, die Steiner berücksichtigte: "Man muss wissen, dass die eine Farbe etwas ist, das herausfordernd wirkt, dass eine andere Farbe etwas ist, was Sehnsuchtskräfte auslöst, dass eine dritte Farbe etwas ist, was die Seele über sich selbst erhebt, und eine andere Farbe etwas, das die Seele unter sich herunterdrückt."55
Weitere designrelevante theoretische Ausführungen Steiners über Farbwirkungen ließen sich heranziehen. Dennoch finden sich unter den Schöpfungen seiner Nachfolger vergleichsweise wenige farbige Stücke, vielleicht weil sich Steiners Hinweise meist nur indirekt auf Möbel beziehen und seine Farbgebungsbeispiele dem Zeitgeschmack zu intensiv leuchtend gewesen sein dürften. Hinzu kommt, dass die nach Hinweisen Steiners für die Praxis entwickelten Pflanzenfarben, die für das farbige Beizen von Möbeln verwendeten wurden, nahezu vollständig verblasst sind (oder später entfernt wurden). Nur an lichtgeschützten Stellen findet man noch die erhalten gebliebene, überraschend intensive ursprüngliche Farbgebung.

tl_files/images/title.png

Liebevolle Zuneigung

Am Beispiel der zitierten Gestaltung von "Fensterreihen" demonstrierte Rudolf Steiner, wie er seine Forderung nach einer Liebe verströmenden Aura der Dinge zu realisieren gedachte. Zum Verständnis ein Vergleich: Man stelle sich Fenster gleich Menschen vor, die quasi militärisch-funktional wie aufgereihte Uniformierte nebeneinander stehen, und im Gegensatz dazu eine Gruppe befreundeter Jugendlicher, die für ein Foto posieren, in liebevollen Gesten sich einander umarmend und zugeneigt. Der Bau des Goetheanum sollte erfüllt sein "von den Empfindungen der Herzen, die in Liebe zusammenströmen sollen. So wirkt im Grunde genommen in dieser ganzen Architektur nichts für sich allein. Nichts ist so angeordnet, dass es für sich allein ist. Das eine strebt zum andern, und jedes strebt dem andern entgegen. Oder, wenn es dreigliedrig ist, so schließt die Mitte die beiden Formen zusamrnen."56

Die Geste der Zuneigung, des einander Zustrebens getrennter Bauelemente, gehört zu den wichtigsten Kriterien anthroposophischen Designs. Steiner hat diese Gestaltungsgeste sowohl mit eckig-facettierten als auch mit gerundeten Formen an seinen Möbeln angewendet.
Seine Entwürfe für Einbaumöbel im Haus Brodbeck in Dornach (Abb. 43) zeigen das Zusammenstrebende der Türen in Ausführungsvarianten mit abgeschrägten Kanten. ln Zusammenarbeit mit den Architekten Hermann Ranzenberger und Ernst Aisenpreis entstanden während der Bauzeit am Goetheanum und an den umliegenden Bauten seit 1915 Möbelentwürfe in jeweils gerundeter oder abgewinkelter Ausführung.

tl_files/images/title.png

Organik und Ökologie

Die Feststellung, dass innerhalb eines Baukörpers "nichts für sich allein sei", kennzeichnet einen Aspekt organischer Gestaltung im Sinne Rudolf Steiners.
Wie in einem lebendigen Organismus kein Organ isoliert für sich existiert und nicht beliebig an einen anderen Ort versetzt werden kann, sollte auch anthroposophische Gestaltung einen lebendig-organischen Formenzusammenhang aufweisen - im Gegensatz zur modularen, additiven Reihung von gleichen Bauelementen. Die Gestaltung des Goetheanum wurde von Steiner mit dem Begriff der Metamorphose verknüpft, der von ihm auf Goethes Schriften über die Bildung und Umbildung organischer Systeme, vor allem auf die Metamorphose der Pflanzen, bezogen wurde. Die Anwendung des Metamorphose-Prinzips erörterte Steiner ausführlich am Beispiel der Säulenkapitelle des ersten Goetheanum. Verschiedene Prinzipien des Organischen sollten auf künstlerische Weise angewendet werden; Baukörper (Möbelkorpus) und Körperbau sollten organisch korrespondieren: "Alles, was an Gesetzen in der Zusammenfügung der Materie baukünstlerisch vorhanden ist, ist auch durchaus zu finden im menschlichen Leibe. Ein Hinausprojizieren der eigenen Gesetzmäßigkeit des menschlichen Leibes außer uns in den Raum ist die Baukunst, die Architektur."57
Darüber hinaus beinhaltet das Beispiel der Säulen im ersten Goetheanum den ökologischen Aspekt des Organischen hinsichtlich des bewussten und verantwortungsvollen Umgangs mit den dem Organismus der Erde entnommenen Materialien. Die verschiedenen Säulen waren aus unterschiedlichen Hölzern gefertigt. Höchste Sorgfalt wurde aufgewendet in der handwerklichen Verarbeitung von Baustoffen, die nach anthroposophischer Auffassung zugleich differenzierte geistige Wirkungen ausüben. Anthroposophische Möbelbaukunst implizierte deshalb Nachhaltigkeit aufgrund solider Verarbeitung - neben einem spezifisch ausgeprägten Arbeitsethos beim Herstellungsprozess.

tl_files/images/title.png

Lebendige Flächen

Ein besonderes Merkmal anthroposophischen Möbeldesigns wurde von Rudolf Steiner als «doppeltgebogene Fläche» bezeichnet. Die russische Künstlerin Assja Turgenjeff, eine Mitarbeiterin am ersten Goetheanum, berichtete dazu folgende Episode: «Dann hörten wir von der doppelt gebogenen Fläche, die Seele in die Formen bringt. Zuerst suchte er es uns an seinem Schirm zu machen - doch der Schirm ließ sich nicht biegen. Da musste sein Hut daran glauben, den er unbarmherzig zerknüllte. Er drehte ihn zu einer Wurst, bog dann die Seiten einwärts, sodass im lnnern eine konkave Form entstand. Dann bewegte er vorsichtig die eine Hand nach innen, die andere nach außen, wodurch die Konkave etwas offener, flacher wurde. Eine ähnliche Fläche können sie bei der Schläfe abtasten."58
Doppelt gebogen meint in diesem Beispiel, dass die konvexe Rundung entlang des verdrehten Huts die erste Biegung darstellt und das Einwärtsbiegen dieser "Wurst" entlang einer Längsseite eine zweite, konkave Fläche erzeugt. Die Absicht liegt darin, mittels doppelt gebogener Flächen Seele in die Formen zu bringen und den Oberflächen von Baukörpern eine organisch lebendige Plastizität zu verleihen: "Wie der lebendige Organismus Erhöhungen und Vertiefungen gegliedert aus sich herauswachsen lässt, so wachsen aus der Wand die Formen heraus, und die Wand wird damit zu einem Lebendigen. [ ... ] Aber Formen sind es, Formen, die ebensowenig in der äußeren physischen Welt vorhanden sind, wie Melodien äußerlich vorhanden sind. Diese Formen sind lebendig gewordene Wände. Physische Wände werden nicht lebendig, aber Ätherwände, geistige Wände werden Iebendig."59
Steiner suchte Wände zu gestalten, die keinen abschließenden Charakter haben, sondern durch ihre Formen Fenster zum Geistigen öffnen sollten. Die doppelt gebogenen Flächen waren freilich nur ein Mittel neben anderen, um "lebendig gewordene Wände" zu gestalten. Das Plastische als solches, ob als Relief an Möbelflächen oder als Möbelskulptur ausgeführt, verstärkt den organischen Zusammenhang des Zusammenstrebens einzelner Bauelemente und verleiht dem einzelnen Element selbst eine organische Anmutung. Bei beschnitzten Möbeln und Wohnaccessoires wie Schalen, Bilderrahmen oder Kerzenleuchtern finden sich zahlreiche Variationen des Plastischen - darunter meist auch doppelt gebogene Flächen, die man als "typisch anthroposophisch" kennzeichnen kann.

tl_files/images/title.png

Oberer Abschluss

Alle oberen Enden oder Abschlüsse von Möbeln erhielten von Rudolf Steiner als «Kopfteil» eine ausgeprägte Gestalt, die mit dem «oberem», geistigen Teil des Menschen korrespondiert. Die «Stirnseite» eines Möbels wird zur spiegelbildlichen Projektion der Stirn des Menschen, wo sich dessen denkender Geist körperlich verorten lässt und wo nach anthroposophischer Lehre die zweiblättrige Lotosblume, ein zu entwickelndes geistiges Wahrnehmungsorgan, seinen Sitz hat.
Dazu ein Beispiel: Als einer der ersten Möbelentwürfe Steiners gilt der sogenannte Theodora-Schrank (Abb. 47), den er vor dem Ersten Weltkrieg für eine Szene der Münchner Mysteriendramen-Aufführungen60 anfertigen ließ. Den oberen Abschluss des Schranks bildet der elliptisch gewölbte Bogen eines Kranzaufsatzes, auf dem Buchstabenfolgen und ein Fünfstern mit Rosenkreuz eingelassen wurden. Später, in seiner Dornacher Schaffensperiode, betonte Steiner die Mitte der oberen Abschlüsse von Schränken (oder Fenstern) nicht mehr symbolisch, sondern plastisch-skulptural.
Die Korrespondenz zum Haupt beziehungsweise Geist des Menschen formte Steiner auch ohne Mittebetonung des oberen Abschlusses, jedoch immer mit einem «geistigen Element» als akzentuierte Gestaltung. Es fehlte nie. So weisen auch alle seine Stuhlentwürfe einen betonten oberen Abschluss der Lehne auf. Deren sorgfältig ausgeführte Kontur am Kopfende ist in der Regel Teil einer geometrischen Figur, meist einer Ellipse, Cassinischen Kurve oder eines regelmäßigen Polygons. Das gekennzeichnete Zusammenstreben von Formen wurde an Schränken nicht nur auf einer Ebene, sondern auch polyedrisch in kristallinen Formen ausgestaltet - in der Art, wie sie Steiner für die Dachformen des geplanten Johannesbaus in München (Abb. 49) oder für Deckenleuchten entworfen hatte.
Erweitert gefasst, sollte Interieurgestaltung nicht allein schützend umschließen und damit von der Umwelt abschließen, sondern durch entsprechende Gestaltung - zumindest partiell - «durchlässig» für die seelische und geistige Umwelt sein.

tl_files/images/title.png

Geometrie und Pentagon

Das ästhetisch-harmonische Gefühl bei der Betrachtung geometrischer Kurven erklärte Rudolf Steiner neben anderem als Ergebnis unbewusster Rechenoperationen, die wiederum einen Abglanz kosmischer Harmonieerlebnisse fühlbar machen: «Stücke von der Ellipse, Stücke von der Hyperbel werden Sie in unserem Bau überall finden; aber auch Stücke der Cassinischen Kurve, der Lemniskate, wer-den Sie an unserem Bau finden, und Ihr Astralleib wird in diesem Bau genügend Gelegenheit haben, solche [Rechen-]Operationen zu machen.»61
«Wir können uns nicht immer zum Bewusstsein bringen, was darinnen liegt, aber unser Astralleib, unser Unterbewusstsein, in dem Sinne, wie ich es im letzten Vortrag hier angeführt habe, wie er das Mathematische enthält, so enthält er die Geheimnisse des Kosmos und empfindet es in der Tiefe. Wenn der Mensch sagt: Ich empfinde irgendetwas als Schönheit, aber ich kann mir nicht erklären, was es eigentlich ist, - ja, dann geht in seinem Astralleib irgendetwas vor. Das, was vorgeht in ihm, könnte man etwa ausdrücken, indem man sagt: Er fühlt tief geheimnisvolle Mysterien des Weltalls, und das drückt sich nicht aus in ihm durch Vorstellungen und Gedanken, sondern durch ein Gefühl: Ach, schön ist diese Form!»62
Von symbolischen Deutungen geometrischer Formen wie Hexagramm und Pentagramm distanzierte sich Steiner: «Denn glücklich werden wir uns schätzen, wenn wir den alten Unfug der Theosophen überwunden haben, der bei jedem Märchen, bei jeder Gestalt, bei jedem Mythus fragt: Was bedeutet dieses, was bedeutet das? - Unsere Formen sind alle real in der geistigen Welt, sie sind wirklich in der geistigen Welt vorhanden und bedeuten daher nur sich selbst und nichts anderes, sie sind keine Symbole, sondern geistige Realitäten. Sie finden, wenn Sie den ganzen Bau durchschauen, nirgends ein Pentagramm, nirgends die Form eines Pentagramms, nirgends die Veranlassung zu fragen: Was bedeutet diese oder jene Form? Höchstens ganz dezent angedeutet, könnte man an einer Stelle ein Pentagramm hineinsehen, aber nur mit demselben Recht, wie Sie in jeder fünfblättrigen Pflanze ein Pentagramm hineinsehen können.»63
Überschaut man freilich die Fülle anthroposo­phischen Designs, so endeckt man derart viele «fünfblättrige Pflanzen», vor allem in Form pentagonaler Flächen, dass man diese als Stilmerkmal zu berücksichtigen hat. Aus den geometrischen Verhältnissen des Pentagramms resultiert zudem der Goldene Schnitt, ein Proportionsverhältnis, das Rudolf Steiner gezielt verwendete. Pentagondodekaeder dienten als Grundstein für die Goetheanum-Bauten (Abb. 5I) und als Vorbild für die Dachformen der Umschließungsbauten des projektierten Johannesbaus in München (Abb. 49). Dort sollten auch Varianten von Pentagondodekaedern als farb- und formtherapeutische Räume eines Klinikums verwendet werden.
Als andere Art eines «Abglanzes kosmischer Harmonieerlebnisse» wurden diese Flächen gestaltet, sie wurden aus den Weiten des kosmischen Raums, aus einer vierten Dimension herausgeführt, «wie wenn Kräfte in Flächen sich von allen Seiten des Weltenalls der Erde näherten und von außen her plastisch wirkten [ ... ]. Dadurch aber, dass ein Wesen gestaltet wird von der Peripherie des Weltalls herein, dadurch wird ihm aufgedrückt dasjenige, was nach der Urbedeutung dieses Wortes des Wesens Schönheit ist. Des Wesens Schönheit ist nämlich der Abdruck des Kosmos, mit Hilfe des Ätherleibes, in einem physischen Erdenwesen.»64

tl_files/images/title.png

Formen des kristallisierten Ätherleibs

In Rudolf Steiners Würdigung des zeitgenössischen schwedischen Künstlers Frank Heyman wird der Aspekt des Schaffens «aus den Kräften des Ätherischen heraus» formal nachvollziehbar beschrieben: «Man sieht einige Kolossal-Gestalten, bei denen der Kopf aussieht wie eine prismatische, aber nicht regelmäßig gestaltete Figur. Hände, Gesten, kurz die ganze Figur ist in der mannigfaltigsten Weise winkelig, eckig gestaltet.» Der Okkultist «hat sogleich den Eindruck: Das ist etwas, das aus einer höheren Welt heraus empfunden ist. Wenn man nämlich weiß, welches die eigentlichen Geheimnisse des menschlichen Ätherleibes sind, wenn man weiß, wie dieser Ätherleib als Kraftleib hinter dem physischen Leib steht, weiß, wie bei jeder Bewegung, die im physischen Leib zum Ausdruck kommt, im Ätherleib jedes Mal eine ganz bestimmte Bewegung vor sich geht, so hat man den Eindruck, als ob der Künstler aus den Kräften des Ätherleibes heraus schaffte und seine übersinnlichen Erlebnisse in diesen Formen hinstellte. [...] Die Grundempfindung, die man im Anblick seiner Kunstwerke hat, ist so, wie wenn er die Frage an sich stellte: Was bin ich. Und wenn diese Frage den ganzen Menschen durchbebt, dann kommt der Ätherleib in eine Regelmäßigkeit hinein, die Frank Heyman in schöner Weise in seinen Werken zum Ausdruck gebracht hat. Was er also darstellt, sind die einfachen geometrischen Formen des gleichsam kristallisierten Atherleibs.»65

tl_files/images/title.png

Niedersenken und Sprechen übersinnlicher Wesenheiten

Die Formgebung des oberen Abschlusses ist für Steiner deshalb so wichtig, weil sie eine Art «Antennenfunktion» für Geistiges ausüben könne. Mathematisch-geometrische oder «geistspezifisch» plastische Formen bewirken nach Steiner eine Verbindung mit übersinnlichen Wesen:
«Der Mensch stellt sich so dar, dass wir sagen: Er hat den physischen Leib als unterstes Glied seiner Wesenheit. Nun gibt es Wesenheiten, die einen solch groben physischen Leib in ihrer gegenwärtigen Entwicklungsstufe nicht haben, sondern den Ätherleib als unterstes Glied ihrer Wesenheit aufweisen, die aber tatsächlich vorhanden sind. Solche Wesenheiten kann nun der Mensch, mehr als es ohne sein Zutun geschieht, in seine Kreise hereinbannen. In der Tat besteht ein Teil der Kulturentwicklung darin, dass ein Verkehr gesucht wird mit diesen Wesenheiten, die zum untersten Glied den Ätherleib haben. Ein solcher Verkehr wird geschaffen dadurch, dass der Mensch in gewisser Weise physische Leiblichkeiten schafft, welche diese Wesenheiten benützen können, um sich förmlich an sie anzulegen, sich durch sie zu ergänzen; auf diese Weise werden Verbindungs brücken geschaffen zu diesen Wesenheiten. Denken Sie sich, wir würden uns in diesem Blumenkorb, der hier auf dem Pult steht, eine Leiblichkeit vorstellen, die so wäre, dass sie in ihren Formen entsprechen würde gewissen Formen des Ätherleibes der genannten höheren Wesenheiten, so würden diese die Neigung haben, sich da niederzulassen, den Blumenkorb zu umspielen, sich mit ihm zu verbinden. Wir würden sehen, wie dieser Korb Veranlassung gibt, dass da geistige Wesen sich niedersenken, die ihn liebevoll umklammern und sich wohlfühlen, in dieser Weise in die Gemeinschaft der Menschen heruntersteigen zu können. Wir brauchen nur die geeigneten Formen zu schaffen, dann schaffen wir solche Brücken zwischen uns und solchen Wesenheiten.»66
Rudolf Steiner gestaltete plastische Formen, die den Eindruck eines von oben «Niedersenkenden» und «liebevoll Unklamrnernden» vermitteln, und hat vermutlich entsprechende Angaben auch für Möbel gemacht, da sich diese Motive mehrfach als Elemente des oberen Abschlusses erkennen lassen. Die Anwesenheit geistiger Wesen könne durch lebendige Formen sprechen, Wände sollten zu Membranen des Geistigen geformt werden: «Belauschen wir [ ... ] die ätherischen Formen der Pflanzen und bilden wir sie nach in unse­ren Formen an den Wänden, dann schaffen wir - so wie die Natur im Menschen den Kehlkopf zum Sprechen geschaffen hat - [ ... ] die Kehlköpfe, durch die die Götter zu uns sprechen können.»67

tl_files/images/title.png

Sichtbare Musik

Für den Möbelbau berücksichtigte Steiner die Goethe'sche Auffassung von der Architektur als «verstummte Tonkunst», das heißt von Proportionen nach mathematisch-musikalischen Zahlenverhältnissen - und zwar bis in kleinste Details, wie Hermann Ranzenberger berichtete." Über den bekannten proportionalen Aspekt «gefrorener Musik» hinaus suchte Steiner das musikalisch Bewegte strömender Linien und organisch fließender Flächen auf neue Weise und als neue musikalische Qualität zu realisieren:
«Wir müssen heute wiederum neues Leben in den bildenden Künsten finden; aber der unmittelbare elementarische Impuls in der bildenden Kunst ist erflossen in vergangenen Zeiten. Seit längerer Zeit, seit Jahrhunderten, bildet sich der andere Impuls aus, der Impuls nach dem Musikalischen hin. Daher nehmen auch die bildenden Künste mehr oder weniger eine musikalische Form an. Das Musikalische ist in künstlerischer Beziehung die Zukunft der Menschheit, und alles Musikalische, das auch sonst in den redenden Künsten zutage treten kann. Der Dornacher Goetheanumbau war im Musikalischen gehalten. Daher ist er als Architektur und Plastik und Malerei vorläufig so wenig verstanden worden. Auch derjenige, der erstehen soll, wird eben aus diesem Grunde schwer verstanden, weil das Musikalische ganz im Sinne der Menschheitsentwicklung in das Plastisch, Malerische, Bildhauerische hineingeführt werden muss.»69

Der abgebildete «Tisch» anthroposophischer Provenienz, ein Werk von Hans ltel, erscheint zunächst eigenwillig bildhauerisch ausgeführt. Entdeckt man jedoch die Orgel im Atelier des Künstlers und übersetzt sich deren strömende Klangfülle in die an- und abschwellenden Formen des skulpturalen Tischunterbaus, erscheint das Rätselhafte der Formgebung «verständlicher» - anders gesagt: Diese musikalische Lösung des Rätsels hört sich zumindest plausibel an.
Allerdings handelt es sich hier um ein extremes Beispiel musikalischer Bewegtheit, die im anthroposophischen Design ansonsten in gemäßigter Form zum Ausdruck kam. Vor allem dessen typische Abschrägungen (vgl. Abb. 56) wurden neben dem Aspekt des Zusammenstrebens von Formen als Bewegungsqualität verstanden. in jeder Schräge, ob linear oder flächig, kommt «eine Bewegungstendenz zum Ausdruck, zum Beispiel eine Bewegung von unten nach oben, die in die Horizontale einmündet. - Genauso ergeben sich am äußeren Baukörper durch schräg geführte Flächen, Abkantungen und dergleichen plastische Wirkungen, sie bringen den Körper in Bewegung.» - So der anthroposophische Architekt und Möbeldesigner Felix Kayser in seinem Aufsatz Elemente und Prinzipien organischen Gestaltens.70

tl_files/images/title.png

Gleichgewicht

In seinem Dornacher Vortrag vom 2. Januar 1915 erläuterte Rudolf Steiner architektonische Aspekte des Gleichgewicht-Schaffens, die schon aufgrund der begleitenden Skizze einen Bezug zum Möbelbau herstellen lassen. Gezeichnet wurden zwei Stützen mit einem darüber gelegten Balken, auf dem eine Kugel lastet. Man könnte die Zeichnung auch als Tisch mit daraufliegender Kugel interpretieren.
«Wir wollen [...] das nicht nur anschauen, sondern fühlen, der Balken muss eine gewisse Stärke haben, sonst wird er von der Last zerdrückt, die Stützen, die Säulen müssen eine gewisse Stärke haben, sonst werden sie zerquetscht. Wir müssen mit der Kugel oben ihr Lasten erleben, mit den Säulen ihr Stützen erleben, mit dem Balken sein Gleichgewicht erleben. Erst dann empfinden wir architektonisch, wenn wir also hineinkriechen in das Lastende, in das Stützende und in das Gleichgewicht zwischen dem Lastenden und dem Stützenden.» Rudolf Steiner sagt weiter, dass dieses Erleben so intensiviert werden könne, dass man über die sinnlichen Qualitäten hinaus spirituelle mitempfinden werde. «Da fühlen wir ein stützendes, ein hinaufstrebend stützendes Luziferisches; ein lastend hinunterdrückendes Ahrimanisches; ein Gleichgewicht zwischen Luziferischem und Ahrimanischem: ein Göttliches.»71
Zur architektonischen Gleichgewichts-Gestaltung gehört die plastische: «Am Leben muss man lernen, Gleichgewicht zu schaffen zwischen dem Erstarrenwollenden und dem Flüssigwerdenden. Sehen Sie sich die Formen unseres Baues an: Überall das Gerade in das Gebogene übergeführt, Gleichgewicht gesucht, überall der Versuch gemacht, das Erstarrende wieder aufzulösen in Flüssiges, überall Ruhe in der Bewegung geschaffen, aber die Ruhe wiederum in die Bewegung versetzt.»72

Die Formensprache des ersten Goetheanum fand laut Steiner ihren konzentrierten Ausdruck in der Skulptur des sogenannten Menschheitsrepräsentanten (Abb. 57 und 58), der die menschliche Suche nach einer ausgewogenen psychischen Verfassung, einer beweglich individuellen, humanen Mitte zwischen extremen Gefühlen, Ideologien und Handlungen repräsentiert.

Alle anthroposophischen Gestaltungsmaximen münden letztlich in eine Beziehung zur zentralen Figur des ersten Goetheanum-Baus, die von Steiner als Christusdarstellung bezeichnet wurde. Die skizzierten Kriterien anthroposophischer Gestaltung können deshalb auch als Attribute einer christlichen Spiritualität aufgefasst werden: Vom liebevollen Herstellungsprozess und dem liebevollen Zueinanderneigen bis zum intendierten Herabbitten und Herniedersenken übersinnlicher Wesenheiten - die Dimension zentraler christlicher Werte und kosmologischer Vorstellungen ist in den anthroposophischen Stilkriterien erkennbar.

tl_files/images/title.png

Anmerkungen fortlaufend:

  1. 50Alfred Hummel, zitiert nach Hella Krause-Zimmer: Hermann Ranzenberger. Ein Leben für den Goetheanum-Bauimpuls, Dornach 1995, S. 101.
  2. 51 Rudolf Steiner: Okkultes Lesen und okkultes Hören (GA 156), Dornach 32003, S. 167.
  3. 52 Siehe zum Beispiel Rudolf Steiner: Das esoterische Chris­tentum und die geistige Führung der Menschheit (GA 130), Dornach 41995, S. 116.
  4. 53 Rudolf Steiner: Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole (GA 101), Dornach 21992, S. 158f.
  5. 54 Assja Turgenieff: Erinnerungen an RudolfSteiner und die Arbeit am ersten Goetheanum, Stuttgart 31993, S. 35.
  6. 55 Rudolf Steiner: Wo und wie findet man den Geist? (GA 57), Dornach 21984, S. 209.
  7. 56 RudolfSteiner: Wege zu einem neuen Baustil (GA 286), Dornach 31982, S. 7I.
  8. 57 Rudolf Steiner: Kunst im Lichte der Mysterienweisheit (GA 275), Dornach 31990, S. 43.
  9. 58 Assja Turgenjeff: Erinnerungen an Rudolf Steiner und die Arbeit am ersten Goetheanum, Stuttgart 31993, S. 64.
  10. 59 Rudolf Steiner: Wege zu einem neuen Baustil (GA 286), Dornach 31982, S. 68.
  11. 60 Mysteriendramen: In seinen vier Mysteriendramen (Die Pforte der Einweihung, Die Prüfung der Seele, Der
    Hüter der Schwelle und Der Seelen Erwachen), die zwischen 1909 und 1913 uraufgeführt wurden, behandelt Rudolf Steiner den Einweihungsweg unterschiedlicher Individuen vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen karmischen Situation und der fortschreitenden Menschheitsentwicklung.
  12. 61 Rudolf Steiner: Wege zu einem neuen Baustil (GA 286), Dornach 31982, S. 68.
  13. 62 Ebenda, S. 9I.
  14. 63 Rudolf Steiner: Wie erwirbt man sich Verständnis für die geistige Welt? (GA 154), Dornach 21985, S. 102.
  15. 64 Rudolf Steiner: Damit der Mensch ganz Mensch werde (GA 82), Dornach 21994, S. 87ff.
  16. 65 Rudolf Steiner: Der Budapester Internationale Kongress der Foederation Europäischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft. Zitiert nach Rudolf Steiner. Das malerische Werk, Dornach 2007, S. 34.
  17. 66 Rudolf Steiner: Natur- und Geistwesen - ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt (GA 98), Dornach 21996, S. 243.
  18. 67 Rudolf Steiner: Wege zu einem neuen Baustil (GA 286), Dornach 31982, S. 70.
  19. 68 Ausführlicheres dazu in meinem Buch Rudolf Steiner Design. Spiritueller Funktionalismus, Dornach 2005, S. 141.
  20. 69 Rudolf Steiner: Das lnitiaten-Bewusstsein (GA 243), Dornach 62004, S. 233.
  21. 70 Felix Kayser: Elemente und Prinzipien organischen Gestaltens. In: Stil. Goetheanistisches Bilden und Bauen, 1,1979/80, S. 8.
  22. 71 Rudolf Steiner: Kunst im Lichte der Mysterienweisheit (GA 275), Dornach 31990, S. 117f. Vgl. auch Anmerkung 2 zum Kapitel Wilhelm von Heydebrand.
  23. 72 Rudolf Steiner: Die Polarität von Dauer und Entwickelung im Menschenleben (GA 184), Dornach 1968, S. 169.

tl_files/images/title.png

 

Stil-Kriterien der "Dresdner Gruppe"

Stil-Kriterien der "Dresdner Gruppe"

(PZ, SN, 10/2015)

In der Bildhauerschule von Wolfgang Zimmer und der nachfolgenden "Dresdner Gruppe" wurde um 1989 mit "Kriterien" gearbeitet - in loser Weise, vielleicht nicht alle kann man philosophisch korrekt Kriterien nennen. Sie dienten als Werkzeug, um Gegenstände und Formen mit Bewußtsein auf ihre Qualitäten hin abzuklopfen. Sie waren nie Anleitung zum Schaffen, kein Erfüllungsgesetz ließ sich daraus ableiten.

Eine Hilfe zum Schaffen war die Methode des Bauens! In gegliederter Weise wird Teil auf Teil zum Bestehenden gefügt. Dadurch, dass es verschiedene Teile gibt, wird Gespräch zwischen ihnen möglich. "Dich halte fest und trage ich", "Dich neige und umgreife ich" - so sprechen die Formen miteinander.

Zwar dann das Geschaffene kann wieder mit Hilfe der Kriterien befragt werden.

  1. Pflanzen- und vor allem Knochenbaubetrachtungen
  2. Stabkirchen, Goetheanumbauten
  3. Wärme, auf und absteigende Wärmeformen
  4. Aufrichtekraft
  5. Oben - Unten
  6. Jung - Alt
  7. Gleichgewicht
  8. Dreigliedrigkeit
  9. Woher - Wohin
  10. Metamorphose
  11. Schein der Form, des Lebens, des Bewusstseins
  12. Projektivität

tl_files/images/title.png

Pflanzen- und vor allem Knochenbaubetrachtungen

Die waren uns sehr wichtig, auch entsprechende Vorträge Steiners dazu:

  1. "Man denkt eben nicht mit dem Gehirn, man denkt in Wirklichkeit mit seinem Knochenbau, wenn man in scharfen Denklinien denkt... Aber, wenn man das innere des Knochens anfängt zu erleben, ...sie lernten damit die Linien kennen, welche von der Götterseite her in die Welt gezeichnet waren, um die Welt zu konstituieren." Rudolf Steiner: Mysterienstätten des Mittelalters, Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip, 12.01.1924 (GA233a)
  2. "Das Knochensystem ist der imaginierte Mensch, ausgefüllt mit Materie" Rudolf Steiner, Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes, 30.12.1911 (GA 134)
  3. Oder zur Geisterfülltheit des physischen Leibes (als Form!) überhaupt: (GA131)

Und sehr impulsierend ist grade für die Frage nach friedenstiftenden Formen:

Rudolf Steiner, Dornach, 11. November 1923: “Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes” – zwölfter Vortrag, (GA 230):
...Und so müßte eigentlich, ich möchte sagen, gehofft werden, daß alles das, was an Menschenunverstand und Menschenhaß durch die Menschen, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen, hinaufgetragen wird in die geistige Welt, daß das auch wiederum dem Menschen mitgegeben wird, das heißt, daß daraus, es veredelnd, Menschengestalten geschaffen werden.
Nun hat sich aber im Laufe von langen Jahrhunderten für die gegenwärtige Entwickelung der Erdenmenschheit etwas sehr Sonderbares ergeben. Es konnten in der geistigen Welt nicht alle Menschenunverständnis- und Menschenhasseskräfte für neue Menschenbildungen, für neue Menschengestalten aufgebraucht werden. Es blieb ein Rest...

Das verstehe ich direkt als Aufforderung, menschliche Gestalt zu geben einem jeden Ding, sei es eine Wiege oder ein Vortrag.
Ich meine, dass es darum geht: zu gestalten in menschlichem Maß – weil damit direkt Frieden geschaffen wird!

tl_files/images/title.png

Große Vorbilder waren uns die norwegischen Stabkirchen und die beiden Goetheanumbauten, das erste vor allem von innen, das zweite eher von außen.

Stabkirchen

tl_files/images/title.png

Wärme, auf- und absteigende Wärmeformen...

Rundung hat viel Gewicht. "Und wir, die einen neuen Baustil begründen wollen, der ja hier nur unvollkommen sein wird, weil wir für mehr nicht die Mittel haben, wir wurden nun inspiriert mit Bauformen, die im Großen und in Einzelheiten das Runde hervorheben." Rudolf Steiner, Wege zu einem neuen Baustil, (GA286)

  • Rundung, aber von etwas bestimmtem, also einer Fläche... neben einer anderen! Nicht alles wird rundgehudelt, dann wäre es wieder nur eine zwar weiche Kante. Nein, die obere Fläche spannt sich bis zu einer Kante, welche sie deutlich von einer seitlichen Fläche gliedert.
  • Eine Tischfläche z.B. erhält Spannung, wie Wasser sie zeigt - zwar ist die Oberfläche mittig flach, zeigt jedoch mit der "Wärme", der bis zur Kante sich steigernden Krümmung eben Oberflächenspannung, innere Kraft.
  • An solcher "Kraft von Innen" wird Wachstumskraft erlebbar, hier ist noch Zukunft...

tl_files/images/title.png

Aufrichtekraft

Es ist eine Grundtendenz, dass in der Menschenbildung der Schwerpunkt über der Mitte liegt, die größte Ausdehnung oben ist. Auch das Ei als eine plastische Urform zeigt das, die Achse liegt schräg, "das dicke Ende will nach oben..."

Freilich gibt es viele Beispiele von Gegenbewegungen...

tl_files/images/title.png

Oben - Unten

Differenzierung ist gefragt (GA 302):

  • Konvex - Konkav, der Mensch zeigt es in seiner Leibbildung: nach oben wölbt sich der Kopf, unten muldet sich das Doppel der Füße. Jeder Knochen hat oben seine "Kugel", umgreift unten die "Kugel" darunter (zwar manchmal ist die Richtung umgebogen, z.B. beim Oberschenkelkopf). Leber und Lunge wölben sich über ihre unteren Nachbarn, bilden nach oben Rundung aus (zwar die Nieren zeigen Drehung).
  • Sphärisch - Radial, des Menschen Leibbildung zeigt es auch so: der Kopf ist das Runde schlechthin (wenn es auch Quadratschädel gibt), am Gliedmaßenpol herrscht Strahligkeit bzw. Würfeligkeit bei den Wurzelknochen.
  • Rund - Eckig, auch sonst scheint das stimmig, kubische oder kantige Formen erleben wir als zum physischen Boden gehörig, zum Mineralreich mit seiner Schwere, runde Formen finden sich in Kuppeln und Blüten, Baumkronen und zuletzt der Himmelssphäre selbst.
  • Einfach - Vielfach, der Kopf als das Erste ist auch das (zunächst) Einfache. Ei!.
    Dann geht es in die Vielheit. 2 Unterarmknochen, 3+4 Wurzelknochen und mehrfach je 5 Fingerknochen dann...
  • Synthetisch - Analytisch, Ei wie Nuss sind unentfaltet. Im Kopf des Menschen lassen sich zwar Zuständigkeiten der Hirnregionen finden, diese sind jedoch nicht absolut und gestaltlich schwer voneinander zu unterscheiden. - Im Stoffwechsel-Gliedmaßenbereich ist alles differenziert und ausgebreitet, jedes Organ hat seinen eigenen Wärmehaushalt, seinen individuellen ph-Wert, seine spezifische Form.
  • Sein - Tun, der Kopf wird getragen, er ist da, trägt alles in sich. Füße und Hände leben vom Tätigsein, vom zu erfassenden Außen, sind nur vollständig zusammen mit dem Umraum und ihren Taten darin.

Da gibt es viele Hinweise von Rudolf Steiner, Hedwig Hauck hat sie dankenswerterweise zusammengestellt in ihrem Werk "Kunst und Handarbeit: Anregungen von Rudolf Steiner für Pädagogen und Künstler (Menschenkunde und Erziehung)". Aus diesem Buch stammen die Zeichnungen der nächsten Galeriebilder:

"Ja, wo ist denn da oben und unten? Man muss doch das äußerlich dem, was da als Verzierung dran ist, ansehen, wo etwas hineingesteckt wird, wo unten oder oben ist..." (GA 303)

"...Es wird nicht darauf gesehen, dass in der entsprechenden Weise etwas, was man oben am Hals trägt, den Charakter dessen tragen muss, daß es oben..." (GA 311)

tl_files/images/title.png

Jung - Alt

Wie zuvor, manches doppelt sich:

  • Sphärisch - Radialstrahlig/Würfelig
    • am Eis kann man das schön erleben: junges Eis besteht aus zähe Häuten, sphärisch auf der Teichoberfläche sich breitend, manch Bruch betrifft nur eine Haut, darunter die nächste bricht unabhängig woanders. Altes Eis bricht radial (vom Erdmittelpunkt aus), manchmal kann man 15cm mit einem Tritt durchstoßen und lauter Stifte tauchen auf. (Ist es durch aufsteigende Blasen vielfach durchlöchert?)
    • Bäume zeigen im frischen Schnitt ihre Jahresringe, diese dominieren das Bild. Alte Schnitte reißen radial, ein Stern erscheint, am Ende löst zersetzendes Holz sich in lauter Würfel fast auf.
  • Rund - Eckig, Babyspeck und Hagerkeit des Greises

tl_files/images/title.png

Gleichgewicht

- (PZ, SN, 9/2017 als Erweiterung eingefügt nach dem 5.Werkstattgespräch zum 2. Goetheanum mit Piet Sieperda.)

Mit den Vorträgen "Kunst im Lichte der Mysterienweisheit" setzt Rudolf Steiner Ende September 1914 auseinander:
"Ein Hinausprojizieren der eigenen Gesetzmäßigkeit des menschlichen Leibes außer uns in den Raum ist die Baukunst, die Architektur" - Architektur entstehe durch das Hinausprojizieren der "Kräftelinien des physischen Leibes des Menschen" (GA 275, Seite 43 und Seite 57/58) - das ist grundsätzlich für alle Baukunst gesagt, jedoch mit dem Zusatz: "wenn es sich um wirkliche Kunst dabei handelt, selbstverständlich."

Wenig später im November 1914 beschreibt er mit den Vorträgen "Die Welt als Ergebnis von Gleichgewichtswirkungen" den Menschenleib dann als dreifache Gleichgewichtswirkung zwischen Luzifer und Ahriman im Links-Rechts, Vorne-Hinten und Oben-Unten.

Wie unser eigenes Wollen, Fühlen und Denken sich da hineinfindet, wird am 9. April 1920 auseinandergesetzt (GA 201, Seite 17ff).

Kräftelinien, Leitlinien - die kann man verstehen als Verbindungslinien zwischen Polaritäten, den Qualitätswandel auf ihnen beschreiben:

Oben - Unten als Kopfwärts - Fußwärts:

  • Konvex ~ Konkav (Kopfwölbung - Fußmuldung, auch bei Röhrenknochen, z.B. Oberarm, bei Leber/Lunge/Niere...)
  • Innerlichkeit, gerundet - Außenreagierend bis geteilt, gegliedert, zergliedert
  • Einheit - Zweiheit/Vielheit
  • Sphärisch - Strahlig, Radial

Unser Fühlen wägt zwischen Oben & Unten, Hoch & Niedrig, Gut & Böse ~ eine Welle ist das "konvexkonkav".

Hier herrscht deutlich Differenzierung. Zwar soll gelten: "Wie oben, so unten", eine Entsprechung findet sich aber per Umkehrung: Was oben sich von innen nach außen wölbt, spricht unten von außen nach innen.


Vorne - Hinten als Gesicht - Rücken:

  • Fassade - Hinterhof
  • Präsentieren - Verbergen
  • Schein - Sein
  • Schönheit - Unschönheit?
  • Offen - Geschlossen
  • Weich - Hart
  • Beweglich, Dynamisch - Fest, Statisch

Hinter uns liegt Vergangenheit - unsere Vorstellung bildet sie ab.
Unser Wille führt nach vorn - zum Schönen?!

Auch hier erkennt man deutliche Differenzierung, jedoch ganz anders als im Oben - Unten.

Nicht Konvex - Konkav! Diesbezüglich herrscht Wechsel.
Ferse/Kniekehle/Gesäß/Kreuz/Schulterrücken/Atlas/Hinterkopf - des Menschen Rückseite zeigt mit ihrer Welle, als Umrisslinie nur, wie rückseits zur Ruhe tendiert, was vorne so stark ist, dass die Grenze sich auflöst: die Reliefenergie. Die Konkavität steigert sich zu Einlasstoren bei Mund und Vagina - Lippen und Zunge, Penis und Brüste wölben weit in die Welt sich hinein. Hände, nicht als statische Gegenstände betrachtet, sondern richtig in ihrer lebendigen Zeitgestalt als handelnde Gliedmaßen begriffen, lösen sich in die Welt hinein auf, die Konvexität steigernd. Der Welt entgegen, nach vorne begreift und umfasst der Mensch mit seinen Gliedmaßen (und Kiefern) die Welt, öffnet sich ihr mit all seinen Sinnen, nimmt aktiv sie auf mit Atem und Nahrung. Hier gewinnt er aufnehmend und verinnerlichend Erkenntnis. Hier greift er ein, schafft und gestaltet mit Sprachtat und Handlung. Erkennen ist Lieben, auch die leiblichen Liebesorgane zeigen in ihren Formen Zeugung und Empfängnis, Einschmiegen und Umgreifen, Eindringen und Aufnehmen. Minnen ist Meinen - beides ein "Mir-einen".

Links - Rechts:

  • Warm - Kalt
  • Lauschend fühlend - Energisch tätig
  • Wohnbauten - Zweckbauten (Hierzu ist interessant die Verteilung der Funktionen in der Gesamtanlage der Goetheanumbauten)

Unser Denken scheidet in wahr oder falsch, Recht vom Unrecht?

Hier herrscht gesamtgestaltlich Symmetrie, zwar eine lebendige. Des Menschen Gestalt zeigt klar eine Achse, zwar ist der lebendige Mensch immer bewegt, eine starre Gleichheit zweier Hälften gibt es nicht. Und innen im Funktionalen herrscht teilweise wirkliche Asymmetrie:

  • Gliedmaßen: Standbein - Spielbein, Bogenarm - Spielarm (Geige)
  • Auge: Schauend - Blickend
  • Lunge: links schweben zwei Flügel - rechts stehen drei, drum fällt jeder Fremdkörper rechts hinein
  • Verdauung, Magen/Leber/Darm, alles asymmetrisch...

Asymmetrische Formen findet man sinnvoll z.B. beim einseitigen Anbau (Rudolf Steiner Halde), bei einseitig angeschlagenen Türen, aber auch bei einzelnen Schuhsohlen oder seitlich gebundenen Mappen empfohlen.

"Der Bau wird Mensch", also Du und Ich, wenn klar seine drei Achsen sind, das scheint Bedingung.
Identifikation wird möglich durch Projektion des ganzen Menschen - Womit?
Betrachten wir des Menschen Leib, so finden wir in jedem Teil den ganzen Mensch: Fußreflexzonen, Irisdiagnose, Ohrakkupunktur...
Interessant sind in diesem Sinn des Goetheanum Gesamtanlage und jedes Gebäude. Jedes Portal, jede Tür, jedes Möbel kann die Ganzheit sein.

tl_files/images/title.png

Dreigliedrigkeit

Ballung-Streckung-Ballung als menschliche Art.

Höhere Pflanzen zeigen auch dies Prinzip. Von Knoten zu Knoten ist schwungvolles Überbrücken, an den Knoten selber kommt die Bewegung zur Ruhe, sammelt Kraft für den nächsten Schwung...

Zwar gibt es auch Stacheln und Dornen, die enden sich verjüngend spitz, aber da wächst nichts mehr. Der zeigende Finger? Immer geht die menschlichste Gebärde in die Weite...

Alle Gliedmaßenknochen zeigen das in Reinkultur, unten gibt es die aufnehmende konkave Ballung, dann in spiraligem Fluss die Streckung, am oberen Ende die rundende, konvexe Ballung - sie gibt den Impuls in die nächste Konkavität weiter. Bei Vogelknochen kommt das vor, dass die Streckung in zwei Hälften reißt wie eine Lemniskate in zwei Tropfen sich auseinandergliedert. Da ist aber doch der Bezug zu erleben, die Weitung wiederzufinden.

Im Oben-Unten weichen wir dabei ab von manchem "dornach Design": Ein "Oberer Abschluss" braucht sein Pendant in Sockel und Fuss, zwar menschlich mit deutlicher Aufrichtekraft und Betonung des Oben.

tl_files/images/title.png

Woher - Wohin

Jede Wölbung soll ihre Herkunft zeigen, der "Impuls" als Mulde unter den Füßen steht in direktem Wirkenszusammenhang mit der Rundung des Kopfes. So bei jedem Knochen...

Auch z.B. beim Kopfteil der Wiege: der Impuls von unten wirkt als eine Kraft von außen, erkennbar an der Eckigkeit, schafft zusammen mit den unteren hohen seitlichen Fugen eine innere Kraft, die oben dann wölbt in die große Rundung des kopfwärtigen Seins.
Genauso beim Fußteil der Wiege. Hier die unteren seitlichen Fugen anders empfunden: sie lenken den Kraftstrom, welcher von unten impulsiert hochströmt, in die Diagonalen nach oben außen ins Tun, ins festhaltende Umgreifen...

Schwer hatte ich es beim Studium mit Fensterbögen. Blieben die Fenster unten rechteckig, so nahmen die Rundungen oben alleine für mein Empfinden nur Wachheit weg. Eine Erlösung wurde mir dafür die Möglichkeit des Woher: manche alten Fenster selbst aus Gründerzeiten noch zeigen zwar keinen Unterimpuls, aber eben seitlich unten solche zusammenfassende Laibungssockel, damit ein Woher.

Eine L-Gebärde ist so erlebbar, indem eine innere Kraft oben nach außen wölbt, unten seitlich von außen her zusammengenommen impulsiert wird. Die Ecksteine im Torbogen sind ähnlich zu empfinden, ein Schlusstein teilt die Gebärde und sorgt so für ein Herumfließen.
(In diesem Doppel von oberem Auseinanderschieben und unteren Zusammenziehen kann man auch das Baumotiv des ersten Goetheanums sehen, welches damit die Kräfte sichtbar macht, die in jedem Gewölbe herrschen.)

tl_files/images/title.png

Metamorphose

Die Glieder eines größeren Ganzen verhalten sich umso menschengemäßer, je mehr sie Metamorphosen von einander sind. Das heißt u.a.:

Polares je anwesend

Die Anwesenheit des je Polaren bei größtmöglicher Spanne macht das Menschliche aus. Der Schädel ist möglichst rund, hat aber im Gebiss seine eigene Gliedmaßigkeit, die Gliedmaßenknochen sind möglichst strahlig oder im Hand- bzw. Fuss-Wurzelbereich kubisch, tragen aber dennoch alle die Kopfrundung an sich...

So trägt selbst der Verbindungsholm einer Wiege das Bild der aufstrebenden Bewegung durch die konischen Phasen, auch, wenn er nur ganz untergeordnet dienend festhalten muss. So haben selbst die Himmelsbögen am offenen Ende ihre deutlichen Flächen je Richtung, klare Kanten bei aller Rundung.

Es bedeutet auch, dass man mit Zusammenfügungen geometrischer Formen nicht weit kommt: ein Halbkreis auf einem Rechteck mag zwar wohlproportioniert gewählt werden. Aber erst, wenn der Bogen etwas von der Qualität des Rechteckigen hat und das Rechteck solche des Runden, haben beide Partien die gemeinte Verwandschaft.
Solches finde ich zum Beipiel bei der Tür der Stabkirche keimhaft zu entdecken, die Rundung unten fällt direkt auf, der zwar kreisgeometrische Bogen oben zeigt mit seiner "Drahtigkeit" die Kraft des Eckigen:

tl_files/images/title.png

Schein der Form

Als ob es sich biegen würde... es ist nicht nötig, ein "wirklich rundes Ei" als Wiege zu bauen. Viel spannungsvoller ist es, die graden Bretter so zu raspeln, dass scheinbar sie sich biegen, dass sie eine umhüllende Gebärde bekommen...

Drum braucht es eine gewisse Stärke der Bohlen, denn nur die Behandlung der Schnittkanten mit Drehungen und Schrägen macht solche Bewegung möglich...

Schein des Lebens

Als ob es wachsen könnte... siehe Ballung etc.

fließen, spiralisieren, mäandern - in Oberflächen und diagonalen Bezügen...

Schein des Bewußtseins

Die Teile sollen voneinander und von ihrer Funktion wissen...

Sie werden also nicht stumpf aneinander gefügt zu eigentlich einem gemacht! Sondern durch die gegliederte Bauweise wird ein Gespräch möglich, was wäre erquicklicher? Jedes Teil macht den anderen Platz, die Fuge! Und dann durchdringen sie sich mit deutlichstem Ausdruck ihrer Tätigkeit. Dieses umgreift, jenes hält. Eines trägt ein anderes...

tl_files/images/title.png

Projektivität

Räumlicher Bezug zueinander ist gefragt:

  • Bogenfamilien
    • konzentrische Bögen machen einen Mittelpunkt erfahrbar, Ellipsen einer Familie ihre zwei bewirkenden Punkte...
    • Ist ein oberer Bogen enger gekrümmt als ein unterer, so schneiden die beiden sich bald, werden weitere Verwandte darüber immer enger und kleiner werden - da fühlt man Bewegung, zunehmende Geschwindigkeit und am Ende einen winzigen Kreis nach oben hinausschießen... die eine Form in zwei teilend.
    • Ist der obere Bogen weiter gekrümmt als der untere, gibt es keine Schnittpunkte - man erfährt Stauung und dadurch Kraft im Zur-Ruhe-Kommen.
  • Phasen aus einer Raumrichtung: Z.B. eine polygonale Treppenstufe kann man aus einer Raumrichtung anphasen - an Seiten, welche mit dieser parallel gehen, bleibt die Phase dann unsichtbar! (Statt die Phase mit der Oberfräse allseitig sozusagen als Soße darüber zu schütten...)

Letzteres ist von anderer Seite aufgefasst auch "Freiheit vom Stoff" oder "Unabhängigkeit von Stoff und Form", wenn eine Charakter gebende Prägung nicht der stofflichen Form folgt, sondern aus dem Räumlichen kommt.
(Ähnliches kann man beim Schraffierenden Zeichnen erleben, wenn die Schraffur nicht der Kontur folgt, sondern davon unabhängig eine eigene Richtung hat.)

Den Raum selbst gilt es zu gestalten, er werde geformt! Des Stoffes Form mache die Raumform erlebbar. Wie in der Architektur die Form des Raumes selbst (Letztlich das seelische Tun und Lassen der Menschen in ihm!) das eigentliche ist, nicht die materiellen Wände, Decken und Böden - das "Gugelhupf"-Prinzip, beschrieben am 7.Juno und am 21. Nov. 1914. Manch klare "Abrisskante" (Aerodynamik) ermöglicht die Ablösung der Form vom Stoff. (Bei manch wunderschönem konvexen "Knubbel" spielt alles in dessen Innern sich ab, aber jede Konkavität erschafft einen Bezugspunkt außer sich im Raum - und Konkavität ist kaum denkbar ohne Kante, wäre ohne Begrenzung nur von innen erlebbar;-))

tl_files/images/title.png

Ein Teller zum Beispiel...

Gedanken zum Teller:

(PZ, SN, 3/2016)

Wie sollte eine anthroposophischer Teller aussehen? Nach den Vorreden sind drei Dinge sicher klar:

  1. Dass es viele verschiedene geben kann und soll, siehe "Anthroposphische Kunst?"
  2. Dass eine "organische" Form im Sinn von "geschwungen" keine Garantie für Güte ist, siehe "Wahrheit? - Eine Tür zum Beispiel..."
  3. Dass der Blick auf die Differenzierung geht, siehe "Stil-Kriterien der "Dresdner Gruppe", 5. Oben - Unten", sich darin der Bezug zu Mensch und Umraum äußert.

Welche Differenzierung kann man erwarten im Oben - Unten, Innen - Außen, Vorne - Hinten und Links - Rechts?

  • Die erste des Oben - Unten ergibt sich aus der Grundfunktion, unten braucht es Stand, nach oben wird Schale gebildet, das Essen getragen, gehalten und dargeboten.
  • Innen - Außen ist interessant als Frage nach dem Rand des Tellers, ohne solchen würde man eben von einer Schale sprechen: das Anbieten, die Zugänglichkeit wird erreicht, ist sie allseitig gleich?
  • Damit ist die Frage nach dem Vorne - Hinten gestellt, hier kommt die Person in den Blick und woher sie löffelt, auch die Frage nach dem Woher des Nachschubs.
  • Im Rechts - Links lebt die Frage nach der Dynamik des Essens, es gibt Rechts- und Linkshänder...

Es gibt ein paar Differenzierungen vorweg, die man leicht vergißt, die soziale der Situation und Verhältnismäßigkeit: eine kräftige Aussprache aller Eigenheiten kann da, wo anderes im Vordergrund steht, stören - manchmal ist ein Teller einfach Nebensache und Zurückhaltung die beste Gestaltung, ein individueller Geburtstagsteller mag stärkste Aussprache aller Differenzierungen nahelegen.

Eine weitere Vorfrage wäre, ob und wie sehr solch Differenzierung die Form Schiefer Teller/schiefer-teller_nearly_emptyselber ergreift oder sich im Dekor niederschlägt. Beim Kopfkissen nach Rudolf Steiner zum Beispiel (siehe Stil-Kriterien der "Dresdner Gruppe", 5. Oben - Unten, erstes Bild) bleibt die Form selbst ganz gewöhnlich, eine starke Differenzierung im Kopfwärts - Rumpfwärts ist je unterschiedlich einerseits bei der Naht und andererseits beim Dekor deutlich sichtbar.

2002 wurde von Claus Roeting "Der schiefe Suppenteller" "Excentra" erfunden für eine weitere Funktion: die "Neige" ohne Neigung des Tellers entnehmbar zu machen - schließlich ist jedes Essen endlich, siehe rechts:

Gleichzeitig schuf Albrecht Kiedaisch im Auftrag die folgend abgebildeten Kinderteller, sie haben sich sehr bewährt! Die flache Seite erleichtert schnelleres Abkühlen und hinter der tiefsten Stelle die Steilwand ermöglicht gefahrloses Schieben, siehe folgende Galerie:

"Kräftelinien des physischen Leibes des Menschen"

Gleichgewicht

- (PZ, SN, 9/2017 nach dem 5.Werkstattgespräch zum 2. Goetheanum mit Piet Sieperda.)

Mit den Vorträgen "Kunst im Lichte der Mysterienweisheit" setzt Rudolf Steiner Ende September 1914 auseinander:
"Ein Hinausprojizieren der eigenen Gesetzmäßigkeit des menschlichen Leibes außer uns in den Raum ist die Baukunst, die Architektur" - Architektur entstehe durch das Hinausprojizieren der "Kräftelinien des physischen Leibes des Menschen" (GA 275, Seite 43 und Seiten 57/58) - das ist grundsätzlich für alle Baukunst gesagt, jedoch mit dem Zusatz: "wenn es sich um wirkliche Kunst dabei handelt, selbstverständlich."

Wenig später im November 1914 beschreibt er mit den Vorträgen "Die Welt als Ergebnis von Gleichgewichtswirkungen" den Menschenleib dann als dreifache Gleichgewichtswirkung zwischen Luzifers und Ahrimans Denken im Links-Rechts, Fühlen im Vorne-Hinten und Wollen im Oben-Unten.

Wie unser eigenes Wollen, Fühlen und Denken sich da hineinfindet, wird am 9. April 1920 auseinandergesetzt (GA 201, Seite 17ff).

Kräftelinien, Leitlinien - die kann man verstehen als Verbindungslinien zwischen Polaritäten, den Qualitätswandel auf ihnen beschreiben:

tl_files/images/title.png

Oben - Unten als Kopfwärts - Fußwärts:

  • Konvex ~ Konkav (Kopfwölbung - Fußmuldung, siehe auch bei jedem Röhrenknochen, z.B. Oberarm, bei Leber/Lunge/Niere...)
  • Innerlichkeit, gerundet - Außenreagierend bis geteilt, gegliedert, zergliedert
  • Einheit - Zweiheit/Vielheit
  • Sphärisch - Strahlig, radial

Unser Fühlen wägt zwischen Luzifers und Ahrimans Wollen, zwischen Oben & Unten, Hoch & Niedrig, Gut & Böse - eine Welle entsteht aus wechselndem "konvex~konkav". Himmelhoch jauchzend - zu Tode betrübt.

Hier herrscht deutlich Differenzierung. Zwar soll gelten: "Wie oben, so unten", eine Entsprechung findet sich aber per Umkehrung: Was oben sich von innen nach außen wölbt, spricht unten von außen nach innen.

tl_files/images/title.png

Vorne - Hinten als Gesicht - Rücken:

  • Physiognomisch - Organisch
  • Fassade - Hinterhof
  • Präsentieren - Verbergen
  • Schein - Sein
  • Schönheit - Unschönheit?
  • Offen - Geschlossen
  • Weich - Hart
  • Beweglich, Dynamisch - Fest, Statisch

Luzifers Fühlen lockt unser Wollen sympathisch hervor, Ahrimans Fühlen lässt uns antipathisch zurückweichen.

Hinter uns liegt Vergangenheit - unsere Vorstellung bildet sie ab.
Unser Wille führt nach vorn - zum Schönen?!

Auch hier erkennt man deutliche Differenzierung, jedoch ganz anders als im Oben - Unten.
(Nicht Konvex - Konkav! Diesbezüglich herrscht Wechsel: Ferse/Kniekehle/Gesäß/Kreuz/Schulterrücken/Atlas/Hinterkopf)

tl_files/images/title.png

Links - Rechts:

  • Warm - Kalt
  • Lauschend fühlend - Energisch tätig
  • Wohnbauten - Zweckbauten (Hierzu ist interessant die Verteilung der Funktionen in der Gesamtanlage der Goetheanumbauten)

Unser Denken scheidet in wahr oder falsch, Recht vom Unrecht?

Hier herrscht gesamtgestaltlich Symmetrie, zwar eine lebendige. Des Menschen Gestalt zeigt klar eine Achse, zwar ist der lebendige Mensch immer bewegt, eine starre Gleichheit zweier Hälften gibt es nicht. Und innen und unten im Funktionalen herrscht teilweise wirkliche Asymmetrie:

  • Gliedmaßen: Standbein - Spielbein, Bogenarm - Spielarm (Geige)
  • Auge: Schauend - Blickend
  • Lunge: links schweben zwei Flügel - rechts stehen drei, drum fällt jeder Fremdkörper rechts hinunter
  • Verdauung, Magen/Leber/Darm: alles asymmetrisch...

Asymmetrische Formen findet man sinnvoll z.B. beim einseitigen Anbau (Rudolf Steiner Halde), bei einseitig angeschlagenen Türen, aber auch bei einzelnen Schuhsohlen oder seitlich gebundenen Mappen empfohlen: Siehe oben in "Stil-Kriterien der "Dresdner Gruppe"" die Nummern 5 ff.

tl_files/images/title.png

"Der Bau wird Mensch", also Du und Ich, wenn klar seine drei Achsen sind, das ist Bedingung.

Identifikation wird möglich durch Projektion des ganzen Menschen - Womit?
Betrachten wir des Menschen Leib, so finden wir in jedem Teil den ganzen Mensch: das zeigen auch Fußreflexzonen, Irisdiagnose, Ohrakkupunktur...
Interessant sind in diesem Sinn des Goetheanum Gesamtanlage und jedes Gebäude. Jedes Portal, jede Tür, jedes Möbel kann die Ganzheit sein, Gegenüber werden.

Die qualitative Differenzierung nach den Raumesrichtungen ist nun nichts Neues in der Baugeschichte.

Über die Bedingung hinaus kommt noch etwas dazu:

  • Unterschiedene Qualitäten von Oben versus Unten findet man mit Gesims & Sockel, mit irdischem Souterrain & "himmlischer" Dachkuppel in vielen historischen Gebäuden. Neu bei Steiners Architektur ist der lebendige Fluss und die dynamische Spannkraft, mit der die beiden Qualitäten verbunden sind - das additive Übereinander ist überwunden.
  • Vorne versus Hinten ist mit repräsentativen Fassaden vor unaufwendigen Rückseiten ebenfalls historisch bekannt. Neu bei allen Bauten Steiners ist die enorme Spannweite, mit welcher die beiden Qualitäten sich halten - z.B. des zweiten Goetheanums dynamische Front findet sich gehalten durch die quadratischen Mittelfenster (in ihnen scheint das Hinten durch), sein kubisches Hinten wird aushaltbar mit der oberen Anbindung per Gesims an die Dynamik sowie mit den aufgelösten Fenstern (hier erscheint, was vorne herrscht).

Die "Anwesenheit des je Polaren" ist ein Charakteristikum organicher Metamorphosen, die Ausgewogenheit darin ein solches der Menschlichkeit, siehe oben in "Stil-Kriterien der "Dresdner Gruppe" die Nummern 10.

  • Links versus Rechts - da ist mir aus der Baugschichte keine typische Differenzierung bekannt, im Gegenteil herrscht häufig eine starre, alles bestimmende Symmetrie. Als neu bei Steiners Baukunst erlebe ich die Individualisierung der Symmetrie: Jedes Gebäude einzeln hat klar seine eigene, ist niemals in die Achse eines anderen gepresst - gebauter Indivdualismus. Aber auch nicht eines steht stumpf neben dem anderen, alle finden sich in deutlich gesprächlichem Bezug zueinander - gebaute Sozialität! (Sie stehen mehr oder weniger in astrologisch günstigen Winkeln, nie in Konjunktion, Opposiotion oder im Quadrat.)
    Differenzierung und Gliederung hängt immer auch von absoluter Größe ab: gäbe es z.B. eine großes Hotel aus Steiners Feder, könnte man vielleicht an einem gewiss symmetrischen Hauptbau zwei unterschiedliche Flügel erwarten? Ein rechter aktiv ausgreifend, ein linker wägend - je mit entsprechender Funktionsverteilung im Inneren?

tl_files/images/title.png

Was ist Motiv dafür, dass der Bau Mensch werde?

  1. Dienstleistung - weil eine Waldorfinitiativgruppe anthroposophische Baukunst wünscht, kann man sie schaffen wollen. Antwort auf einen Bedarf - ein wirtschaftliches Motiv.
  2. Integration - weil eine Baulücke solche Baukunst verlangt oder einfach, weil ein räumliches oder soziales Umfeld sie bedingt, kann man sie schaffen wollen. Ein soziales Motiv. (Siehe auch Steiners Worte vom 23.Jan 1914 dazu.)

Viele gute Gründe sind möglich - Rudolf Steiner nennt häufig pädagogische, z.B. in GA 302, auch in GA 304. Die sind oft auch volkspädagogisch oder kulturtherapeutisch zu verstehen, sei es bezogen auf die mitteleuropäische Gesellschaft um 1920 oder sogar auf die ganze Menschheitsentwicklung.

In "Stil-Kriterien der "Dresdner Gruppe"", Nummer 1 benannte ich eines, das sei hier wiederholt:

Rudolf Steiner, Dornach, 11. November 1923: “Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes” – zwölfter Vortrag, (GA 230):
...Und so müßte eigentlich, ich möchte sagen, gehofft werden, daß alles das, was an Menschenunverstand und Menschenhaß durch die Menschen, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen, hinaufgetragen wird in die geistige Welt, daß das auch wiederum dem Menschen mitgegeben wird, das heißt, daß daraus, es veredelnd, Menschengestalten geschaffen werden.
Nun hat sich aber im Laufe von langen Jahrhunderten für die gegenwärtige Entwickelung der Erdenmenschheit etwas sehr Sonderbares ergeben. Es konnten in der geistigen Welt nicht alle Menschenunverständnis- und Menschenhasseskräfte für neue Menschenbildungen, für neue Menschengestalten aufgebraucht werden. Es blieb ein Rest...

Das verstehe ich direkt als Aufforderung, menschliche Gestalt zu geben einem jeden Ding, sei es eine Wiege, ein Bauernhof oder auch ein Vortrag.
Ich meine, dass es darum geht: zu gestalten in menschlichem Maß – weil damit direkt Frieden geschaffen wird!

tl_files/images/title.png

"Rudolf Steiner Design" - ein Label?

Label, Zertifizierung, Siegel?

- (PZ, SN, 9/2017 nach dem 5.Werkstattgespräch zum 2. Goetheanum mit Piet Sieperda.)

Piet Sieperda - Kunsthistoriker, Kunstbetrachter - möchte eine Zertifizierung.
Der Wunsch ist verständlich, denn:
Heute gibt es soziale und wirtschaftliche Motive für solches Design. Diese verlangen eine deutliche Benennbarkeit von Qualitäten auch für Laien.

  1. Dienstleistung - weil eine Waldorfinitiativgruppe anthroposophische Baukunst wünscht, kann man sie schaffen wollen. Antwort auf einen Bedarf - ein wirtschaftliches Motiv.
  2. Integration - weil eine Baulücke solche Baukunst verlangt oder einfach, weil ein räumliches oder soziales Umfeld sie bedingt, kann man sie schaffen wollen. Ein soziales Motiv. (Siehe auch Steiners Worte vom 23.Jan 1914 dazu.)
  • Persönliche Kenntnis, Bewußtseinsbildung, Empfindungsschulung und Urteilsfähigkeit in Sachen Gestaltung sind wünschenswert, aber nicht von jedem zu leisten. Jede Waldorfinitiativgruppe z.B. mit dem Wunsch nach Gestaltung im Sinne Rudolf Steiners soll diesen realisieren lassen können - auch ohne, dass sie gezwungen ist, Fachfrauschaft auszubilden.
  • Persönliche Verbundenheit mit einem Bauernhof ist sehr zu begrüßen, in jeder Form zu fördern. Manche Menschen leben fern von solchen Möglichkeiten in Städten - ihnen bieten die verschiedenen Label eine bewußte Wahl der von ihnen gewünschten Qualitäten.
  • Alle Eltern sind Erzieher - mehr oder weniger gute. Und suchen dann für ihre Kinder eine geeignete Schule. Da ist es gut, dass die verschiedenen Ansätze Namen haben, beschreibbare Qualitäten. Jeder weiß, dass die Persönlichkeit des Lehrers entscheidend ist und will doch Art und Richtung der ganzen Schule wählen können.
  • Eigene Urteilsfähigkeit in Sachen Gesundheit und Krankheit ist lobenswert, viele fühlen sich jedoch sehr unsicher. Da bieten Zertifikate und Labels Möglichkeiten zur Orientierung.

Jedermensch weiß, dass kein Zertifikat oder Label Fehlerfreiheit garantiert. Niemand wird den Aspekt des persönliches Vertrauens zum Arzt, Lehrer, Marktverkäufer oder Gestalter seiner Wahl gering schätzen.

Vor dem Wunsch nach einem Label steht der nach deutlich beschreibbaren Qualitäten. Dazu macht eine Begriffsunklarheit Schwierigkeiten: "Organische Architektur" wird V-i-e-l-e-s von V-i-e-l-e-n genannt.
Nach den obigen Betrachtungen scheint klar, dass das Spezifische von Steiners Gestaltung z.B. im dynamischen Gleichgewicht liegt, das Goethanum ist weder "freie Bewegtheit" noch "Bauhausfabrik" sondern zeigt beider Qualitäten in größtmöglicher Spannweite sinnvoll verbunden, dies als Beispiel.

Es gibt großartige lebendig und dynamisch anmutende organische Architektur überall auf der Welt, ganz unabhängig von der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft. Weder letzteren beiden noch dem Bauimpuls Rudolf Steiners tut es gut, dessen Spezifika unbestimmt zu lassen.

  • Wird Bevormundung befürchtet? Welcher echte Künstler wird sich dreinreden lassen! Und intern? - laut den Statuten gilt ja: „Mitglied kann jedermann ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung werden,…“.
  • Ist es Angst vor Dogmatismusvorwürfen, davor, nicht mitreden zu können, welche alles lieber im Unklaren lässt? Ein sinnvolles Gespräch wird erst interessant und möglich durch eine deutlich Positionierung! Ist eine solche nur antipathisch und dogmatisch denkbar?
  • Müsste ein Architekt ohne Zertifikat um Aufträge bangen? Kaum, das widerspricht meinen Erfahrungen aus anderen Bereichen: Ein Imker ohne Demeterzertifikat wird seinen Honig allemal los, ein guter Lehrer findet problemlos eine gute Stelle, ein echter Künstler immer sein Publikum (sei es auch post mortem;-)).

Aus einem anderen Bereich:
Ein "Anthroposophischer Arzt" nach IPMT und/oder GAÄD ist frei, anthroposophische, homöopathische und allopathische Medikamente u.a. zu verschreiben. Dem ausgesprochenen Wunsch nach anthroposophischer Medikation kann er folgen oder nicht, dies je begründen, auf Fragen antworten.

Entsprechend ließen sich der Wunsch und die Frage nach "Rudolf-Steiner-Design" händeln mit einem Label. Ein solches soll keine Handlungsanweisung sein und wird keine Garantie für "gute" Gestaltung, aber es würde die Möglichkeit eröffnen, das Thema zu besprechen: Wünsche zu äußern, Vorschläge zu hinterfragen, Zweifel und Zustimmung zu formulieren, Abweichungen zu begründen. Das ist eine Frage von Verkörperung und Realität - daran mangelt es bis heute.

tl_files/images/title.png

Wer zertifiziert was und wie?

- (PZ, SN, 9/2017 nach dem 5.Werkstattgespräch zum 2. Goetheanum mit Piet Sieperda.)

Wer?

Die Sektion für bildende Künste der freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum zertifiziere.

  • Ihre Aufgabe sei es, den Charakter der Zertifizierung deutlich zu machen, Dogmatismus zu vermeiden, Ausgrenzung nicht zertifizierter Gestalter zu bekämpfen.
  • Sie berufe Kunstwissenschaftler als Zertifizierer.
    • Deren Aufgabe sei es, die spezifischen Gestaltungsideen Steiners zu formulieren als "Leitlinien" oder "Stil-Kriterien".
    • Einzelne Spezifika mögen als Forschungsaufgabe vergeben werden, z.B. mag die Frage, wie Steiner das Oben/Unten differenziert, von Studenten der Kunstgeschichte beantwortet werden.
  • Sie lade ausnahmslos alle Interessierten ein, sich an der Erforschung dieser Frage zu beteiligen, würdige Eingaben mit intensiver Prüfung und ändere/revidiere/erweitere gegebenenfalls die Zertifizierung entsprechend. Denn:

Alle Beteiligten sind Persönlichkeiten, lernend, ihre Maßgefühle entwickelnd - nicht Automaten mit absoluter Skala. Sie sind gebunden an Ort und Zeit - an anderem Ort und zu anderer Zeit werden andere Maßstäbe relevant sein. Insofern ist es geradezu zu erwarten, dass manche Zertifkate entzogen werden, manch vormals unzertifiziertes Objekt neu ein Label bekommt.

Die Sektion für bildende Künste der freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum ist grundsätzlich das geeignete Organ für die Zertifizierung, das ist unmittelbar klar. Weil Recht zu gutem Teil länderspezifisch funktioniert, wird es sinnvoll sein, wenn Landesgesellschaften entsprechend agieren.

tl_files/images/title.png

Was?

Einer Sache werde eine Qualität bescheinigt.
Qualität im Sinne von "blau" oder "rot" - nicht als "gut" oder "schlecht".
Und zwar werde bescheinigt das signifikante Vorhandensein einer spezifischen Qualität - keine Aussage werde damit getroffen über andere Qualitäten, die eine Sache außerdem noch hat.

Einer Person werde eine Eignung bescheinigt.
Eignung zu Verantwortung bei Befragung zu spezifischen Qualitäten - nicht Zugehörigkeit zu einer Stilschule.
Keine Aussage werde damit getroffen über eine generelle künstlerische Befähigung, keine zu irgendeiner anderen Eignung, welche diese Person sonst noch hat.

Gedanken zu zwei Möglichkeiten:

  1. Analog z.B. zur Architektenkammer wird eine Gesellschaft aller "Rudolf-Steiner"-Designer gegründet: die Mitgliedschaft berechtigt dazu, das Label zu verwenden.
  2. Werke werden zertifiziert - einzelnen Objekten wird bescheinigt, inwiefern sie einem "Rudolf-Steiner"-Design entsprechen, insofern das von den Zertifizierern bis dato erkannt ist.

Solange nicht gesellschaftlich ein klares Bewusstsein der spezifischen Qualitäten von Rudolf Steiners Design vorhanden ist, bringt die erste Möglichkeit eine Unschärfe mit sich, die ein solches Unternehmen sehr gefährdet erscheinen lässt: Man ahnt bereits den Konflikt zwischen dem soziale Sinn eines Klubs aller Waldorfarchitekten und dem geistigen Bedürfnis nach gestalterischer Unterscheidung.

Die zweite Option fordert deutlich mehr Differenzierung und Entscheidung, bietet dafür Klarheit. So sollten und könnten auch einzelne Werke Steiners detailliert "zertifiziert" werden, nicht jeder von Steiner geschaffene Gegenstand verwirklicht jeden Aspekt seiner Design-Ideen, manches bleibt in mancher Hinsicht unvollkommen - was niemanden verwundern wird, denn Steiner selber hat Unvollkommenheiten oft deutlich genannt, siehe unten.

tl_files/images/title.png

Wie?

Ein Zertifikat soll jedem Laien leicht verständlich spezifische sachliche Qualitäten kenntlich machen. Der Mangel des Zertifikats soll keinen grundsätzlichen Qualitätsmangel als Unwert bedeuten.

Das Zertifikat oder Label soll wie ein Innenskelett funktionieren: nicht Kisten schaffen mit eindeutigem Drinnen oder Draußen, sondern einen Rankstab bilden, um den in näherem oder fernerem Bezug sich gestaltete Objekte und Gestalter organisieren.

Dieser innere Rankstab kann eindeutig und klar beschrieben sein. Die Nähe von diesem oder jenem auch - sie erfolgt immer aus einer bestimmten Richtung. Anderes nähert sich von woanders, alles hat auch eine abgewandte Seite. Alle Annähernden sind durch die Tatsache ihrer Bezugnahme verwandt, nicht durch Gleichheit der Richtung, aus der dies geschieht.

Je pluraler die Gesellschaft funktioniert, um so wichtiger wird für die Fruchtbarkeit jeden Gesprächs die deutliche Erkennbarkeit und Benennbarkeit spezifischer Qualität - im Sinne von "Blau" oder "Rot", nicht im Unsinn von "Gut" oder "Schlecht" - freilich sind offene Gesprächsbereitschaft und tiefes Interesse auch für die fernste "Farbe" Voraussetzung des Sozialen (laut den Statuten gilt ja: „Mitglied kann jedermann ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung werden,…“).

Menschliche Qualität darf niemals zertifiziert werden. Sondern sachliche, ohne Ansehen der Person und ihrer Moral.

Als Beispiel: Warum sollte nicht ein konventioneller Großbauer nebenher einen Demeterbetrieb führen? Vielleicht ist es ein Annäherungsversuch? Führte der Diktator eines "Schurkenstaates" (oder auch jemand, der andere Staaten so nennt;-)) einen landwirtschaftlichen Betrieb nach Demeterrichtlinien, bekäme er in diesem Sinne das rein sachlich begründete Zertifikat. Eine Mitgliedschaft in einem Verband hingegen mag von anderen als sachlichen Bedingungen abhängen.

Verschiedene Möglichkeiten sehe ich, an Beispielen aus einem anderen Bereich illustriert:

  • Unterrichtseinheiten, die nach bestimmten, sachlich nachweisbaren Bedingungen gehalten werden, bekommen das Prädikat "Waldorf".
  • Schulen, die ihren gesamten Unterricht nach diesen Bedingungen halten, heißen "Waldorfschulen".
  • Lehrer, die eine bestimmte Ausbildung absolviert haben, bekommen das Zertifikat "Befähigt zur Waldorfpädagogik" - unabhängig davon, in welchen Fällen sie die Waldorfpädagogik anwenden.

In der bestehenden Praxis wird der Titel "Waldorfschule" nicht von sachlich einfach durchschaubaren Bedingungen, sondern von der Mitgliedschaft im Bund der Waldorfschulen abhängig gemacht. (Mag auch diese von sachlichen Bedingungen abhängen, es erscheint das doch sekundär.) Mit der sachlichen Unklarheit ist Raum gegeben der moralisierenden Spekulation, ob und wie sehr diese oder jene Waldorfschule eine "echte" sei.

Mir scheint es besser, wenn solche Label an sachlich leicht nachvollziehbare und prüfbare Bedingungen geknüpft würden. Ganz unspektakulär dürfte dann ein Zertifikat aberkannt werden - ohne, dass das mit einer moralischen Bewertung oder sozialen Ausgrenzung einher ginge.

tl_files/images/title.png

Moderne - Zukunft und Unvollkommenheit

1912 - ein Key-Moment der Kunstgeschichte - Piet Sieperda führte am 8. September 2017 aus, wie mit diesem Schritt in die Moderne Einkörperung zukünftiger Idee das Motiv von Kunst wird, nicht mehr Abbildung vergangener Vorstellung. Und Zukünftiges ist notwendig unvollkommen!?

"Es ist aber heute viel mehr notwendig, achtsam sein zu können auf dasjenige, was als Neues vielleicht lallend und unvollkommen zum Vorscheine kommt, als auf das Gefällige, Schöne ein Auge haben zu können. Dasjenige, was Zukunftsmöglichkeiten in sich trägt, wird vielleicht recht unvollkommen zutage treten; aber das Bedeutsame wäre: in dem Unvollkommenen den impulsiven Keim für die Zukunft zu entdecken. Würde man sich nach dieser Richtung Mühe geben, würde man versuchen, das zur allgemeinen Methode zu machen, was wir ja insbesondere beim Bau dieses Dornacher Gebäudes hier zu unserem Grundsatz gemacht haben: mit dem Alten zu brechen, selbst auf die Gefahr hin, im Neuen recht unvollkommen zu sein, - würde das zur allgemeinen Methode werden, dann würde schon einiges Heil für die Menschheit aus einer solchen Sache ersprießen. Was vor allen Dingen notwendig ist, ist das Loskommen von dem Festgeprägten, denn dieses Festgeprägte ist ein Absterbendes." Rudolf Steiner, 31.12.1917 (GA 180)

"...daß auch die Kunst als solche einen neuen Impuls erhält. Das ist für den Anfang, selbstverständlich in aller Unvollkommenheit, durch den Dornacher Bau versucht worden. Daß er unvollkommen ist, wird von vornherein zugegeben. Er ist eben ein erster Versuch. Aber es ist der Glaube vielleicht berechtigt, daß er der erste Versuch auf einem Wege ist, der dann weiterführen muß. Die andern, die uns folgen, die dann arbeiten werden, wenn wir selbst lange nicht mehr in physischen Leibern sein werden, die werden es vielleicht besser machen. Der Impuls zu dem Dornacher Bau mußte aber in der Gegenwart gegeben werden." Rudolf Steiner, 3.7.1918 (GA 181 Seite 303) und (Seite 305): "...Dadurch sind mancherlei Mängel in den Bau hineingekommen, die ich besser kenne als sonst irgend jemand. Aber das ist nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, daß einmal in der Weise, wie ich es angedeutet habe, mit einer solchen Sache ein Anfang gemacht worden ist."

Das scheint mir wichtig: nicht künstlerischer Wert im Sinne von Vollkommenheit soll zertifiziert werden, sondern ganz sachlich Aspekt für Aspekt das Wiedererkennen dessen, was Rudolf Steiner wichtig war. Damit wird Rudolf Steiners Konzept, die neue Idee seiner Gestaltung erkennbar. Damit werden Gestalter benennbar, die ihm in diesen oder jenen Aspekten Gleichgesinnte sind.

tl_files/images/title.png

Salutogenese-Design durch künstlerische Kohärenzbildung

Reinhold Fäth schrieb den lesenswerten Artikel Salutogenese-Design in ´Das Goetheanum` - Wochenschrift für Anthroposophie, Ausgabe Nr. 36, 1. September 2017.
Möglicherweise ist unabhängig von den oben genannten (oder eben auch anderen) Spezifika bereits viel gewonnen durch künstlerische Kohärenzbildung schlechthin. Eine Aufforderung zum Gesamtkunstwerk!
Das mag sein, ist sicher ein interessantestes Forschungsfeld - man kann z.B. an die Shaker denken mit ihrer konsequenten Umraumgestaltung, man kann auch schauen auf den offensichtlichen Hang zur gestalterischen Gruppen-Identifikation bei der Jugend z.B..

Zwei Themen zu besprechen regt der Artikel unmittelbar an:

Stil der Zeit, des Ortes, der Persönlichkeit

- (PZ, SN, 10/2017)

Rudolf Steiner hat viele Objekte geschaffen - manche gewiss zeitlos, deswegen nicht weniger im Stil der Zeit! Betrachtet man die "Worte" seiner Sprache (Stil ist Sprache, siehe oben), muten sie zum guten Teil sehr expressionistisch oder auch jugendstilig an.

Sein Konzept im Sinne der Moderne, seine neu zu inkorporierenden zukünftigen Ideen, sind jedoch ganz unabhängig davon zu sehen. Äußerliche Nachahmungen seiner Werke sind nach 100 Jahren nicht zeitgemäß, dass sie bei manchen heutigen Anthroposophen "allergische Reaktionen" hervorrufen und sonst wenig Anklang finden, ist leicht verständlich. Wenn Schüler wie (Waldorf-)Lehrer es heute ablehnen, Kopfkissenbezüge und Kaffewärmer von damals zu kopieren, wundert das nicht.

Was jedoch Steiners Werke vor 100 Jahren gesagt haben, gilt damals wie heute.

Was die "Grammatik" angeht (Stil ist Sprache, siehe oben), so hat Steiner manch Urgesetz gefunden und formuliert. Ganz selbstverständlich sind solche Gesetzte erfüllt, beachtet und umgesetzt, wie zum Beispiel das "Hinausprojizieren der Kräftelinien des physischen Leibes" als solches in der Baukunst. Und im "Satzbau" sind ganz neu die polaren Extreme in dynamischer Verbundenheit gespannt.

Wer heute ein Zertifikat bekäme als "geeignet, im Rudolf Steiner Design zu arbeiten", soll zeigen, dass er das Wesentliche und Spezifische von Steiners Gestaltungsimpulsen mit heutigen Mitteln und im "Zeitkolorit" von heute umsetzen kann.

Im gleichen Sinne sind Steiners Werke ortsgebunden entstanden - sie verraten ganz selbstverständlich ihre Herkunft aus österrreichischer/schweizerischer/deutscher Kultur.

Im globalen Zeitalter sollte ein zertifizierter "Rudolf-Steiner-Designer" dessen originäre Gestaltungs-Ideen möglichst für alle Kulturen und Kontinente durchdeklinieren können. Zu Recht befremdet es, wenn auch auf entferntesten Erdteilen immer wieder die gleichen Objekte zu sehen sind - mag das auch im Sinne einer gruppendynamischen Identifikation von mehr oder weniger deutschen Anthroposophen "in der Diaspora" verständlich sein.

Und natürlich gibt es unabhängig von aller überpersönlichen Bedeutung des Werks eine persönliche Handschrift Steiners - und wird selbstverständlich jeder heutige Designer seine eigene andere haben.

Gute Kunstfälscher haben Sinn für fremde Persönlichkeitsstile, sind nicht mit ihren eigenen identifiziert. Sie könnten werdende "Rudolf-Steiner-Designer" lehren, dessen Ideen "mit anderen Händen" zu schreiben, frei zu werden von enger Nachfolge.

Volkstümliche Anthroposophie - Warum gibt es kein anthroposophisches Ikea?

- (PZ, SN, 10/2017)

Es geht die Rede, die skandinawischen Völker seien berufen, die Anthroposophie volkstümlich zu machen...

Schon öfter konnte ich bemerken, wie stolz und glücklich sich Anthroposophen darüber austauschen, wenn sie anscheinend Anthroposophisches in der "Außenwelt" entdecken, sei es noch so rudimentär.

Ganz entgegengesetzt ist die Erfahrung, wenn man unter sich über Möglichkeiten spricht, der Allgemeinheit entgegen zu kommen. Dann mangelt es oft vollständig an Kompromissbereitschaft, dann steht schon dem Gedanken und erst recht jeder Umsetzung ein Höchst-Anspruch im Weg - nur individuellste, handwerkliche Gestaltung ist denkbar.

- Was an den Witz vom Beten und Rauchen denken lässt - Vereinfachung und Verallgemeinerungen scheinen für Anthroposophen die größte Sünde, die Klage über mangelnden Welterfolg gehört zum Paradox dazu.

Ich meine, es könnte durchaus z.B. eine Aufgabe für das Goetheanum sein, durch beauftragte Künstler mit den Designern von Ikea zusammenzuarbeiten und eine "Järna-Line" u.a. zu entwickeln?

Türklinke im "Rudolf-Steiner-Design"?

- (PZ, SN, 5/2018)

Eine solche gibt es gewiss, berühmt ist das ganze Türschloss im Glashaus!

Davon heißt es, dass ein unmoralischer Mensch sie nicht betätigen könne. Dass ihre Betätigung Moralität lehre. Was heißt das? Man kann es ganz praktisch verstehen: mit dieser Klinke kann niemand "ins Haus" fallen. Erst ziehen, dann schieben - bevor der Wille zum Eintritt Platz bekommt fordert sie ein tatsächliches Sichzurücknehmen, eine Gegenbewegung - ein spezifisches Gleichgewichtsmoment der Menschlichkeit. Eine ähnliche Gebärde wird mit der gewöhnlichen Höflichkeit praktiziert: "Entschuldigung, können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?" - das "Entschuldigung" vorweg macht den Überfall verträglich.

Insofern kann man sich fragen, warum es nicht in jedem Baumarkt und Beschlagskatalog Klinken solcher Gebärde gibt - in jeder erdenklichen Ausführung, von Messing poliert bis zum farbigen Plasterohr.

Ein Anderes ist die Gestalt des einzigen Beispiels am eigenen Platz - diese erklärt sich aus dem Kontext und passt sicher nicht an jede beliebige Stelle.

^Nach oben^